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2026 ist das Jahr der Entscheidung: Wie viel haben den Mut selbst Entscheidungen zu treffen?

Tech Trendscout Kolumne

Tech Trendscout Kolumne von Lisa Höllbacher

Warum wir aufhören zu experimentieren – und anfangen müssen, Verantwortung zu übernehmen

2026 fühlt sich nicht an wie ein klassisches „Next Big Thing“-Jahr. Kein neues Buzzword, kein neues Gadget, kein Aha-Moment, der alles überstrahlt. Und genau das ist der Punkt.
Was uns erwartet, ist kein weiterer Technologiesprung – sondern eine Abrechnung mit den letzten zehn Jahren Tech-Euphorie.

Die große Frage lautet nicht mehr was möglich ist, sondern was wir wirklich wollen, skalieren und verantworten können. Künstliche Intelligenz, digitale Infrastruktur und Plattformmacht sind (beinahe) erwachsen geworden. Wir sind müde geworden vom Ausprobieren immer neuer Tools die den Markt überschwemmen sondern wollen nun realen Einsatz und den vielversprochenen Mehrwert sehen. Und mit dieser Reife kommt etwas Unbequemes: Entscheidungen, Prioritäten – und Konsequenzen.

1. KI entwickelt sich vom Experiment zur operativen Realität

Was 2023 und 2024 vor allem als Hype begriffen wurde, wird 2026 zur harten wirtschaftlichen Realität: Unternehmen setzen KI nicht länger nur zum Testen ein, sondern betreiben sie als Rückgrat für Effizienz und Automatisierung. Analysten betonen, dass 2026 das Jahr sein wird, in dem KI-Projekte im großen Maßstab echten ROI liefern oder eben scheitern — das „Vibes-Zeitalter“ ist vorbei.

Zudem verschieben sich KI-Systeme von monolithischen Sprachmodellen hin zu multi-agentenbasierten Architekturen: autonome digitale Arbeiter, die Aufgaben selbstständig koordinieren, delegieren und ausführen, entstehen in Unternehmen und Tools gleichermaßen.

2. Google vs. OpenAI: Der Wettlauf um Agentik und Multimodalität

Die großen KI-Player rüsten auf: Google integriert multimodale Modelle in Alltagsfunktionen und beschreibt Fortschritte hin zu interaktiven, multimodalen Lösungen, die nicht nur Text, sondern Bilder, Video und Code verarbeiten. Zudem hat Google nun auch Apple (wieder) mit an Board und damit einen starken Partner.

OpenAI baut parallel massiv eigene Infrastruktur aus, investiert in Rechenzentren und Partnerschaften mit Nvidia, um Rechenleistung und Kontrolle zu sichern.

Diese Entwicklungen zeigen: Der Wettbewerb konzentriert sich nicht mehr nur auf „größere Modelle“, sondern auf effiziente, systemübergreifende KI-Ökosysteme und vor allem den offenen Kampf um Marktanteile.

3. Europäische digitale Souveränität: Anspruch trifft Realität

Europa ringt weiterhin mit den Herausforderungen digitaler Autonomie. Trotz ehrgeiziger Initiativen wie EuroStack und politischer Rhetorik um Unabhängigkeit bleibt der Kontinent in vielen Schlüsseltechnologien abhängig von US- und Asien-basierten Anbietern. Berichte prognostizieren, dass Europas Wunsch nach digitaler und technologischer Souveränität 2026 zwar wächst, jedoch nicht dazu führen wird, dass US-Tech-Dominanz gebrochen wird — vielmehr geht es um pragmatische Diversifizierung, nicht um Abschottung.

Regulatorisch zeigt die EU zudem überraschende Flexibilität: Der geplante Digital Networks Act verzichtet auf harte Verpflichtungen für Big Tech und setzt stattdessen auf freiwillige Selbstverpflichtungen. Wie freiwillig jedoch diese Kursänderung ist, sei dahingestellt. Europa tritt immer mehr auf die Hinterbühne des Weltgeschehens und muss sich erst mit dieser neuen Rolle arrangieren.

4. Infrastruktur und Datenzentren: Der Rücken der KI

Ein oft übersehener, aber strategisch zentraler Trend ist das massive Wachstum der Daten- und Recheninfrastruktur. Prognosen gehen davon aus, dass der globale Markt für Rechenzentren 2026 zweistellig wächst – angetrieben von KI-Workloads, Cloud-Expansion und geopolitischen Interessen, Rechenkapazitäten regional zu verteilen.

Diese „digitale Bodenpolitik“ wird zur Grundlage der KI-Ökonomie, die sowohl energie- als auch datenintensive Systeme braucht — mit enormen Konsequenzen für nachhaltige Energiepolitik, Lieferketten und Standortstrategien. Physische Datenzentren werden also nicht nur zu digitalen Machtzentren, sondern auch zu Geopolitischen.

5. Konsumenten-Tech: Mehr als nur KI im Alltag

Auch im klassischen Konsumentenmarkt ist KI allgegenwärtig. Auf der CES 2026 zeigte sich, dass KI nicht nur in Apps stattfindet, sondern in physisch handelnden Systemen: von smarten Haushaltsgeräten (man kann mittlerweile mit der Waschmaschine auch Fernsehen) über Roboterassistenten bis hin zu AR-Brillen und Wearables, die intelligenter, kontextbewusster und stärker vernetzt sind.

Gleichzeitig könnte KI-Integration in Sucherlebnisse und das Web-Ökosystem klassische Geschäftsmodelle disruptiv treffen — Medienhäuser warnen etwa vor dem Ende der traditionellen Traffic-Ära durch KI-gestützte Suchergebnisse. Suchbarkeit aber vor allem digitale Auffindbarkeit sind also entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg.

6. Sicherheit, Resilienz und Kontrolle: Die dunkle Seite der Innovation

Wo Daten und Automatisierung wachsen, entstehen auch Risiken. 2026 wird ein Jahr, in dem Cybersecurity, Datenresilienz und regulatorische Governance zu dominierenden Themen werden. Unternehmen und Staaten müssen sich auf neue Bedrohungen vorbereiten, während gleichzeitig Datenschutz, KI-Ethik und digitale Grundrechte im Spannungsfeld zwischen Innovation und Schutz neu verhandelt werden.

Fazit: Was bedeutet das Jahr 2026 für uns?

2026 zwingt uns, erwachsen zu werden – als Organisationen, als Gesellschaft, als Individuen. Nicht, weil Technologie uns überholt, sondern weil sie uns spiegelt.

Für Unternehmen heißt das: KI ist kein Tool-Projekt mehr. Sie ist Kultur, Strategie und Führungsfrage.

Für Politik und Gesellschaft heißt das: Regeln allein reichen nicht. Wir brauchen Kompetenz, Dialog und technologische Mündigkeit.

Und für uns als Menschen? Es bedeutet, dass KI Literacy, Reskilling und Bewusstseinsbildung keine Zukunftsthemen mehr sind, sondern Voraussetzungen, um mitgestalten zu können. Wer nicht versteht, wie Systeme wirken, wird von ihnen gestaltet.

2026 ist kein Jahr der großen Visionen.
Es ist das Jahr, in dem wir entscheiden, wie bewusst wir mit Macht, Technologie und Verantwortung umgehen und vor allem auch wo wir uns als Mensch einen Platz darin geben.

Nicht alles wird schneller. Nicht alles wird besser. Aber vieles wird klarer.

Und Klarheit ist vielleicht der wichtigste Fortschritt, den uns Tech im nächsten Jahr bringen kann.