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KI im Unternehmen: Ein Spiegel der Kultur

KI-Insights

Ein Artikel von Julia Pleyer

Drei Stimmen zu einem neuen Werkzeug

Die E-Mail des Geschäftsführers war klar: Ab sofort steht allen ein KI-Tool zur Verfügung. Die Reaktionen darauf könnten unterschiedlicher nicht sein.

Lena aus der Buchhaltung testet es sofort. Jeden Freitag verbringt sie fünf Stunden mit dem manuellen Abgleich von Rechnungen - das Tool erledigt das in dreißig Minuten. Doch sie sagt nichts. „Wenn die das mitkriegen, gibt’s nur noch mehr Arbeit“, denkt sie. Erst als ihr Teamleiter zufällig davon erfährt, wird die Lösung offiziell eingeführt. Plötzlich spart die gesamte Abteilung zwölf Stunden pro Woche.

Thomas aus der Produktion klickt den Link nicht einmal an. „Letzte Effizienzsteigerung endete mit Entlassungen“, sagt er. Sein Misstrauen gilt nicht der Technologie, sondern den Konsequenzen. Er fürchtet nicht die KI, sondern die Logik, die hinter ihrer Einführung steht.

Der Geschäftsführer hingegen ist überzeugt. Die Zahlen stimmen, die Präsentationen waren überzeugend. Doch nach vier Wochen zeigt die Auswertung: Nur zwei von hundert Mitarbeitenden nutzen das Tool regelmäßig. Die Lücke zwischen Erwartung und Realität könnte kaum größer sein.

Effizienz als Führungsdogma

Für die Geschäftsleitung ist die Sache einfach: KI steigert die Produktivität, senkt Kosten, macht das Unternehmen zukunftsfähig. Die Theorie klingt plausibel, die Praxis sieht anders aus.

Die meisten wissen nicht, wie sie das Tool sinnvoll einsetzen sollen. Noch problematischer ist das grundlegende Misstrauen. Die Führung sieht KI als Optimierungsinstrument. Die Belegschaft sieht darin oft nur ein Mittel, um Arbeit kontrollierbarer - und ersetzbarer - zu machen.

Die Diskrepanz ist kein Technologieproblem. Sie ist ein Kulturproblem.

Die stille Innovation der Macher

Lena gehört zu den wenigen, die das Potenzial sofort erkennen. Für sie ist die KI keine abstrakte Neuerung, sondern eine Lösung für ein konkretes Problem. Dass sie das Tool zunächst heimlich nutzt, sagt alles: Die größten Hindernisse liegen nicht in der Technik, sondern in der Art, wie Veränderungen im Unternehmen gelebt werden.

Erfolgreiche KI-Anwendungen entstehen selten durch Anordnung von oben. Sie wachsen dort, wo Mitarbeitende selbst Initiative ergreifen. Doch solange solche Lösungen inoffiziell bleiben müssen, verschenkt das Unternehmen wertvolles Wissen. Die offizielle Einführung kommt oft zu spät - wenn der Nutzen längst bewiesen ist, die Chance auf breite Akzeptanz aber vertan.

Skepsis als rationale Haltung

Thomas’ Ablehnung ist kein Technologieprotest. Sie ist Erfahrung. Effizienzsteigerungen enden in seinem Erleben selten mit Entlastung, sondern mit mehr Arbeit oder weniger Kollegen. Seine Frage ist berechtigt: Wem nützt die eingesparte Zeit?

Seine Haltung zeigt, dass die Angst vor KI in Wahrheit eine Angst vor Entwertung ist. Nicht die Maschine macht überflüssig - die Logik, die sie steuert, tut es. Solange diese Frage unbeantwortet bleibt, ist Skepsis die vernünftigste Reaktion.

 

KI als Prüfstein für Vertrauen

Die Einführung von KI offenbart mehr über ein Unternehmen als nur seinen Digitalisierungsgrad. Sie zeigt, wie mit Veränderung umgegangen wird. Wer profitiert? Wer trägt die Last?

Unternehmen wollen mit KI vor allem eines: effizienter werden. Für die Mitarbeitenden geht es um etwas anderes: weniger sinnlose Routine, mehr Gestaltungsraum, die Gewissheit, dass ihre Arbeit zählt. Dieser Konflikt lässt sich nicht mit Technik lösen.

Echte Akzeptanz entsteht erst, wenn klar ist, dass die Vorteile fair verteilt werden. Dass die eingesparte Zeit nicht einfach mit neuen Aufgaben gefüllt, sondern gemeinsam neu gedacht wird - für Weiterbildung, Entlastung oder kreativere Arbeit.

Die eigentliche Herausforderung liegt nicht in der Technik. Sondern in der Antwort auf die Frage: Was ist uns die Arbeit der Menschen wert?

EVENTTIPP

KI-Trends und echte Learnings gibt es am AI-Challenge Accepted! Summit am 17. November 2026 in Linz. Zur Eventinfo geht es hier: AI-Challenge Accepted! Summit