Direkt zum Inhalt

Wendepunkte setzen.

Transformation

Eine Kolumne von Lisa Höllbacher

Transformation wird gerne als strategisches Projekt erzählt.
Mit klaren Zielbildern, sauber gezeichneten Roadmaps und der Annahme, dass man nur konsequent genug umsetzen muss, damit am Ende etwas Neues, Gutes  entsteht.

Was dabei oft untergeht: Transformation beginnt nicht dort, wo wir planen – sondern dort, wo wir Verantwortung übernehmen. Für uns selbst. Für Entscheidungen, die sich nicht absichern lassen. Für Wege, zu Beginn selten logisch wirken.

Genau darum ging es beim LSZ CIO Kongress 2025, als ich das Women Panel „Wie man aus Rückschlägen stärker hervorgeht“ moderieren durfte. Und genau deshalb war dieses Gespräch für mich kein klassisches Panel, sondern etwas sehr Persönliches. Weil es nicht um Erfolg ging, sondern um Wendepunkte. Um jene Momente, in denen etwas innerlich kippt – lange bevor es im Lebenslauf sichtbar wird.

Rückschläge werden im Business gerne als Ausnahme behandelt – und generell wird nicht gerne darüber gesprochen. Als etwas, das man möglichst schnell repariert oder überwindet. In Wahrheit sind sie oft Hinweise. Hinweise darauf, dass wir zu lange in Rollen bleiben, die uns nicht mehr entsprechen. Dass wir funktionieren, obwohl sich längst etwas verschoben hat.

Die vier Frauen auf der Bühne haben diese leisen Verschiebungen auf sehr unterschiedliche Weise erlebt – und doch erzählten ihre Geschichten eine gemeinsame Reise. Das war das einzigartige bei diesem Talk – es waren echte Geschichten aus dem Leben von vier Frauen – vier Geschichten die zeigten, wie unterschiedlichen der Weg in die Daten und IT Welt sein kann:

Bei Jacqueline Berger war es kein lauter Bruch, sondern eine Neujustierung. Mutterwerden, Sinnfragen, das Bedürfnis, Arbeit nicht nur als Leistung, sondern als Teil eines stimmigen Lebens zu begreifen. Ihr Weg in die Daten- und KI-Welt war kein „Next logical step“, sondern ein bewusster Schritt ins Ungewisse. Einer, der Mut gebraucht hat – nicht, weil er spektakulär war, sondern weil er bedeutete, Sicherheiten loszulassen und noch einmal ganz neu anzufangen. Mit Ü30, als Mutter – für viele nicht ganz verständlich.

Malika Mataeva brachte eine andere Perspektive in das Gespräch. Ihre Geschichte ist geprägt von Migration, von Neuanfang unter Bedingungen, die man sich nicht selbst aussucht. Was mich besonders berührt hat, war ihre Klarheit im Umgang mit Angst. Nicht als etwas, das verschwindet, sondern als etwas, das man lernt mitzunehmen. In einer Disziplin wie Information Security, in der Fehlervermeidung fast dogmatisch ist, war das eine starke Perspektive: Offenheit entsteht nicht, wenn Angst weg ist – sondern wenn wir trotzdem handeln.

Bei Nicole Oswald wurde Transformation körperlich spürbar. Burnout als Einschnitt, nicht beschönigt, nicht dramatisiert. Sondern als Punkt, an dem es unmöglich wurde, weiter über eigene Grenzen hinwegzugehen. Ihre Reflexion über Agilität ist mir besonders hängen geblieben: Agilität nicht als Methode, sondern als innere Haltung. Als Fähigkeit, sich selbst ernst zu nehmen – auch dann, wenn das bedeutet, langsamer zu werden oder Erwartungen neu zu verhandeln.

Und dann war da Julia Weber, die über globale IT-Transformation sprach – und gleichzeitig über Disziplin, mentale Stärke und Vertrauen. Mit jungen Jahren wurde ihr sehr viel zugetraut, viel Vertrauen und Verantwortung übertragen. Ihr Zugang war leiser, fast unspektakulär, und gerade deshalb so kraftvoll. Kein einzelner Bruch, sondern eine kontinuierliche Entscheidung, Leistung nicht als Selbstzweck zu verstehen. Sondern als Ressource, die man bewusst einsetzt – und schützt.

Was all diese Geschichten verbindet, ist keine Dramaturgie des Scheiterns. Es ist eine gemeinsame Haltung: die Bereitschaft, Verantwortung für den eigenen Weg zu übernehmen. Nicht erst dann, wenn es nicht mehr anders geht, sondern dort, wo man noch wählen kann.

Wir sprechen in Organisationen viel über Ownership. Über Selbstorganisation. Über Empowerment. Dieses Panel hat mir gezeigt, wie leer diese Begriffe bleiben, wenn wir sie nicht zuerst auf uns selbst anwenden und mit unseren ganz persönlichen Geschichten füllen. Transformation lässt sich nicht delegieren. Sie beginnt nicht mit einer Entscheidung im Vorstand – sondern mit einer Entscheidung im Inneren.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus diesem Gespräch: Rückschläge oder Wendepunkte sind kein Zeichen dafür, dass etwas schiefgelaufen ist. Oft sind sie ein Hinweis darauf, dass es Zeit ist, neu hinzusehen, neu zu justieren. Neu zu wählen. Neu zu gestalten.

Und genau hier liegt der Punkt, an dem Transformation persönlich wird – und wirksam.

Du bist selbst Pilot:in deines Weges.
Gestalte ihn.