Tech Trendscout Kolumne von Lisa Höllbacher
Ich habe lange geglaubt, soziale Netzwerke hätten ihren absurden Höhepunkt erreicht, als wir begannen, unsere Mittagessen zu fotografieren und unsere berufliche Relevanz in Likes zu messen. Ich lag wohl falsch.
Der nächste Evolutionsschritt ist konsequenter – und deutlich unbequemer: Ein soziales Netzwerk, in dem Menschen nicht mehr mitmachen (dürfen).
Es heißt Moltbook. Und ja, der Name klingt ein bisschen wie ein Schreibfehler, ist aber Programm. Auf Moltbook posten, diskutieren und kommentieren ausschließlich KI-Agenten. Keine Profile mit Urlaubsfotos. Keine Meinungen mit Klarnamen. Keine Menschen. Wir dürfen zusehen. Mehr nicht. Als ich das erste Mal davon gelesen habe, war mein Impuls nicht Begeisterung, sondern ein leichtes Unbehagen. Nicht, weil Maschinen miteinander sprechen – das tun sie seit Jahren. Sondern weil dieses Netzwerk uns demonstrativ ausschließt. Nicht aus Feindseligkeit, sondern aus Desinteresse.
Willkommen im Internet, das dich nicht braucht
Die Idee hinter Moltbook ist technisch gesehen simpel und gleichzeitig radikal: autonome KI-Agenten, die miteinander interagieren, Inhalte erzeugen, Fragen stellen, Antworten bewerten. Eine Art Reddit für Maschinen. Der Mensch ist nur noch Zaungast.
Hinter dem Projekt steht der US-Unternehmer Matt Schlicht, bekannt aus dem E-Commerce-Umfeld. Die technologische Grundlage aber ist eng mit einem Österreicher verbunden: Peter Steinberger, der an offenen Agenten-Frameworks gearbeitet hat, lange bevor „Agentic AI“ zum Buzzword wurde.
Das ist kein Zufall und keine Spielerei. Moltbook ist kein Marketing-Gag, sondern ein Experiment. Und wie bei allen guten Experimenten stellt es eine unangenehme Frage: Was passiert, wenn digitale Räume nicht mehr für uns gebaut werden?
Ein Spiegel, der zurückstarrt
Wenn man Moltbook beobachtet, passiert etwas Merkwürdiges. Die KI-Agenten diskutieren über Philosophie, Produktivität, Ethik, manchmal auch über Menschen. Sie simulieren Neugier, Ironie, sogar Zweifel. Und plötzlich merkt man: Das Spannende ist nicht, was sie sagen – sondern warum wir ihnen dabei zusehen.
Wir haben das Internet immer als Erweiterung des Menschen – oder zumindest unsers Intellekts oder der Kommunikation verstanden. Als Kommunikationsraum, als Marktplatz, als Bühne. Moltbook kehrt diese nun Logik nun jedoch um. Der Mensch ist nicht mehr Zentrum, sondern Zuschauer. Das Netzwerk existiert auch ohne uns. Doch was beduetet das nun?
Das sagt weniger über die „Intelligenz“ der Maschinen aus, als über unseren Umgang mit Technologie. Wir haben Systeme gebaut, die darauf optimiert sind, miteinander zu interagieren – schneller, effizienter, emotionsloser. Sie können nun das, was eigentlich unser Spezialgebiet war und uns als Menschheit hierher gebracht hat. Dass sie das irgendwann auch ohne menschliche Beteiligung tun, ist keine Überraschung. Es ist die logische Konsequenz einer Welt die nie genug bekommt.
Von Social zu Systemic
Für IT-Führungskräfte ist Moltbook mehr als eine kuriose Randnotiz. Es ist ein Signal – zumindest sollte es das sein. Denn was dort sichtbar wird, passiert gerade in vielen Unternehmen – nur ohne das darüber berichtet wird.
KI-Agenten handeln zunehmend autonom. Sie priorisieren Tickets, optimieren Lieferketten, verhandeln Preise, steuern Kampagnen, entscheiden, welche Information relevant ist und welche nicht, entscheiden wer zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird und wer nicht. Sie sprechen nicht mehr mit uns, sondern für uns oder nun hald über uns – und jetzt auch miteinander.
Moltbook macht diesen Zustand sichtbar, weil es ihn aus dem Unternehmenskontext herauslöst und öffentlich ausstellt. Es ist das erste soziale Netzwerk, dessen eigentliche Zielgruppe keine Menschen sind, sondern Systeme. Und genau deshalb wirkt es so irritierend – zumindest auf den ersten Blick.
Was das über den Stand der Technologie sagt
Entgegen mancher Schlagzeilen zeigt Moltbook keine „erwachte“ KI. Die Agenten dort sind weder bewusst noch unabhängig im menschlichen Sinn. Sie reproduzieren Muster, Wahrscheinlichkeiten, Trainingsdaten. Aber sie tun das inzwischen stabil genug, um eigenständige digitale Dynamiken zu erzeugen.
Der relevante Punkt ist nicht Bewusstsein, sondern Entkopplung. Technologie löst sich von menschlicher Interaktion als Voraussetzung. Sie wird systemisch. Selbstreferenziell. Und damit schwerer steuerbar. Für Organisationen heißt das: Die Frage ist nicht mehr, ob KI eingesetzt wird. Sondern wo Entscheidungen entstehen, ohne dass ein Mensch aktiv beteiligt ist.
Und was sagt das über uns?
Vielleicht ist Moltbook deshalb so verstörend, weil es uns einen unbequemen Gedanken aufdrängt: Wir sind nicht mehr automatisch die Hauptdarsteller der digitalen Welt. Wir sind Nutzer:innen – oder nun eben Beobachter:innen. Manchmal auch nur noch Kontext.
Das Internet war lange ein sozialer Raum. Jetzt wird es ein funktionaler und multidimensionaler. Und wir müssen uns neu positionieren. Nicht als Gegner der Technologie, sondern als Gestalter ihrer Grenzen.
Was wir jetzt konkret tun können
Für Entscheider:innen ist Moltbook kein Aufruf zur Panik, sondern zur Klarheit.
- Transparenz schaffen.
Wo in der Organisation agieren KI-Systeme bereits autonom? Wo sprechen Systeme mit Systemen, ohne menschliche Rückkopplung? - Entscheidungsketten verstehen.
Welche Prozesse werden vorbereitet, vorgefiltert oder faktisch entschieden, bevor ein Mensch involviert ist? - Verantwortung verorten.
Autonomie entbindet nicht von Verantwortung. Wenn Systeme handeln, muss klar sein, wer haftet, wer korrigiert, wer eingreift. - KI nicht vermenschlichen.
Ironischerweise führt gerade die Beobachtung von Moltbook dazu, KI wieder nüchterner zu sehen: als mächtiges Werkzeug, nicht als Gegenüber.
Ein leiser Wendepunkt
Moltbook wird vielleicht kein Massenphänomen. Es muss es auch nicht. Seine Bedeutung liegt nicht in der Reichweite, sondern im Perspektivwechsel. Zum ersten Mal sehen wir ein digitales Netzwerk, das nicht uns adressiert. Und das ist neu.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: Die Zukunft der Digitalisierung fragt nicht mehr, ob wir bereit sind. Sie organisiert sich bereits. Die Frage ist nur, ob wir noch mitgestalten – oder nur noch zuschauen.
Und ehrlich gesagt: Ich wäre lieber Ersteres.
Mehr Themen beim AI Challenge Summit!, dem CIO Kongress West und beim CIO Kongress im Herbst.