Die Neuerfindung einer Industrienation.
Die Ära der bloßen Vernetzung ist vorbei – 2026 markiert den Sprung zur kognitiven Produktion. Während die globale Wertschöpfung durch geopolitische Volatilität radikal neu geordnet wird, steht Österreich vor einer existenziellen Wahl: Verwalteter Rückzug oder technologische Souveränität? In einer Welt von Foundation Models und Photonic Computing wird Intelligenz zur wichtigsten Ressource für unseren Wohlstand. Wer den Standort sichern will, muss Industrial Intelligence gesamtheitlich denken – als Symbiose aus Mensch, Maschine und souveräner Datenhoheit.
Was ist Industrial Intelligence? Die Evolution von Industrie X.0
Industrial Intelligence ist ein neues Modell, das es Organisationen ermöglicht, Daten, Technologien und Menschen über traditionelle Grenzen hinweg zu verbinden. Es schafft ein integriertes Informationsökosystem, in dem Engineering‑Daten, Betriebsdaten und KI zusammengeführt werden, um bessere Entscheidungen, höhere Effizienz und nachhaltige Transformation zu ermöglichen.
Im höchsten Reifegrad entstehen Digital Twins und Industrial AI kommt zum Einsatz.
Was ist Industrial AI?
Industrial AI bezeichnet den Einsatz von künstlicher Intelligenz in industriellen Umgebungen wie Fertigung, Energie, Luft‑ und Raumfahrt oder Bauwesen. Im Gegensatz zu allgemeiner KI, die menschliche Intelligenz nachahmt, ist Industrial AI speziell darauf ausgelegt, komplexe industrielle Prozesse zu automatisieren und zu optimieren. Sie nutzt Daten aus Sensoren, Maschinen und Netzwerken, um Entscheidungen zu verbessern, Produktivität zu steigern und Innovation voranzutreiben.
Souveränität als Prinzip: Edge-Intelligence vor Cloud-Entwicklung
In der Produktion gilt eine klare strategische Trennung: Während die Cloud der Ort für die Modellentwicklung und das Training bleibt, gehört die operative Intelligenz direkt in die Werkshalle. Industrial Intelligence muss souverän sein. Über das Edge-Computing findet die kritische Datenverarbeitung direkt an der Maschine statt. Dies schützt das geistige Eigentum und garantiert die Handlungsfähigkeit, unabhängig von externen Plattformen.
Abschied von alten Rollen: Aufstieg des Chief (Industry) Transformation Officer
Die klassische IT Philosophie stößt in der Produktion an ihre Grenzen. Die industrielle Fertigung folgt eigenen Gesetzen der Präzision und Echtzeitfähigkeit.
Auch die klassische OT Ausrichtung ist nicht mehr zielführen, da sie die technologische Disruption nicht in der richtigen Geschwindigkeit abbilden und implementieren kann.
Aus diesem Grund rückt eine neue Schlüsselrolle ins Zentrum: der Chief (Industry) Transformation Officer (CTrO/CTO). Unterstützt durch ein spezialisiertes Industrielles KI-Team, ein Transformations/Change Team und ein modernes Production and Industry Solution Management, orchestriert der CTrO die Verschmelzung beider Welten. Er verwaltet nicht nur Systeme, sondern treibt die ganzheitliche Neuausrichtung der industriellen Wertschöpfung voran.
Der CTrO hat ein eine breite Basis an Fähigkeiten und Rollen:
1. Visionary Leader & Change Coach
2. Strategic Transformation Architect
3. Influencer & Strategic Relationship Builder
4. Integrator & Business Partner
5. Complex Programme Orchestrator
siehe weitere Info hier.
In der Industrie verbindet er auch die Welt der IT mit der OT und ergänzt mit KI um die Industrielle Transformation voranzutreiben, insbesondere in „Brown Field“. Er ist auch Garant um eine AI-First Company zu kreieren. Siehe auch hier.
Die bestehenden Infrastrukturen und Fähigkeiten in der europäischen Industrie müssen genutzt werden, um schnell, effektiv und nachhaltig die Wettbewerbsfähigkeit zu festigen bzw. wiederzuerlangen.
Die Human-AI (HAI) Partnership: Alt, Jung und KI
Die Basis für Industrial Intelligence ist eine strategische Partnerschaft, die Generationen verbindet:
- Wissenstransfer: Das tiefe Domänenwissen erfahrener Mitarbeiter verschmilzt mit der digitalen Dynamik der jungen Generation.
- KI als Brücke: Technologie sichert wertvolles Erfahrungswissen digital und macht es für „Digital Natives“ unmittelbar nutzbar.
- Intelligenz-Kollaboration: Es entsteht ein Ökosystem, in dem die KI der Mensch mit seiner Natürlichen Intelligenz und die Künstliche Intelligenz in ein Optimum eintritt
Globaler Wettbewerb: Ein Vergleich der Strategien
Der Wettlauf um die Vorherrschaft in der Industrial Intelligence wird mit unterschiedlichen Philosophien und Geschwindigkeiten geführt. Während die USA auf Kapital und Diffusion setzen, nutzt China die staatliche Lenkung zur massiven Skalierung, während Europa versucht, durch Regulierung und Souveränität einen eigenen Weg zu definieren.
Die Vereinigten Staaten führen den globalen KI-Index mit 75,2 von 100 Punkten an. Die US-Stärke liegt in der Kombination aus führenden Technologiekonzernen (Hyperscalern), einem liquiden Risikokapitalmarkt und einer neuen strategischen Ausrichtung der Regierung. Ein bemerkenswertes Element ist der US-amerikanische Fokus auf die „Diffusion“. Das US-Verteidigungsministerium und das Wirtschaftsministerium behandeln KI-Adoption als ein operatives Rennen, bei dem es nicht nur um die Erfindung, sondern um die schnellstmögliche Verbreitung (Diffusion) von Technologien in die breite industrielle Basis geht. US-Unternehmen betrachten Daten zu 91% als strategisches Asset, was die Grundlage für großflächige Implementierungen von Software-Defined Manufacturing (SDM) bildet.
China verfolgt einen „Move Fast and Break Things“-Ansatz. Mit dem 15. Fünfjahresplan hat Peking die Förderung von „neuen qualitativen Produktivkräften“ zum nationalen Ziel erklärt. Die im August 2025 gestartete „AI+“ Initiative zielt darauf ab, KI in alle Sektoren der Realwirtschaft zu integrieren, wobei der Fokus auf Fertigung, Logistik und Energie liegt. China führt bereits heute bei der Nutzung von Digital Twins: 84% der befragten chinesischen Unternehmen nutzen diese Technologie in der Logistik, verglichen mit deutlich geringeren Werten in Europa. Die chinesische Strategie nutzt zudem die „Military-Civil Fusion“, um technologische Durchbrüche aus dem kommerziellen Bereich unmittelbar für industrielle und nationale Sicherheitsinteressen zu skalieren.
Europa hat mit dem EU AI Act einen weltweit einzigartigen Rechtsrahmen geschaffen, der KI-Systeme nach Risikoklassen reguliert. Während dies oft als Innovationsbremse kritisiert wird, entwickelt sich daraus zunehmend ein Qualitätssiegel für „Trustworthy AI“. Die EU setzt massiv auf den Aufbau souveräner Dateninfrastrukturen wie Gaia-X, um die Abhängigkeit von US-amerikanischen oder chinesischen Plattformen zu verringern. Projekte wie EuProGigant zeigen, wie ein föderierter Datenraum in der Produktion funktionieren kann, indem Unternehmen Daten teilen, ohne die Hoheit über ihr geistiges Eigentum zu verlieren. Dennoch bleibt die Fragmentierung des europäischen Marktes und der Mangel an privatem Wachstumskapital eine erhebliche Hürde.
In der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) stagniert der Digitalisierungsgrad in der Industrie bei etwa 57%, während China bereits 72% und die USA 69% erreichen. Die Region verfügt zwar über eine weltweit führende Basis an Maschinenbau-Expertise und Hidden Champions, doch die Transformation hin zu Software-Defined Manufacturing (SDM) verläuft zögerlich. Nur 3% der DACH-Unternehmen geben an, mit SDM sehr vertraut zu sein, im Gegensatz zu 30% in China und Indien. Der Fokus liegt hier oft noch auf der inkrementellen Optimierung bestehender Hardware-Systeme anstatt auf einer radikalen, datengetriebenen Neuausrichtung.
Österreich: Industriestrategie 2035 als Fundament der Standortsicherung
Für Österreich ist das Thema Industrial Intelligence existenziell. Mit einer Exportquote von über 50% und einer starken industriellen Basis, die maßgeblich zum Wohlstand beiträgt, ist die technologische Führerschaft die einzige Versicherung gegen die Abwanderung von Wertschöpfung. Die „Industriestrategie 2035“ der Bundesregierung adressiert genau diesen Punkt und definiert Industrial Intelligence als einen der zentralen Pfeiler der Standortsicherung.
Die 2,6-Milliarden-Euro-Offensive
Zwischen 2026 und 2029 investiert der Bund 2,6 Milliarden Euro gezielt in neun Schlüsseltechnologien. Diese Mittel dienen dazu, Österreich unter die Top 10 der wettbewerbsfähigsten Industrienationen der OECD zu bringen und den Industrieanteil an der Wertschöpfung auf 20% zu erhöhen.
Die neun Technologiesäulen der österreichischen Strategie:
- Künstliche Intelligenz und Dateninnovation: Fokus auf vertrauenswürdige KI und industrielle Datenräume.
- Chips, elektronische Komponenten und Systeme: Ausbau der Marktführerschaft in der Leistungselektronik.
- Fortschrittliche Fertigungstechnologien und Robotik: Integration von KI in physische Produktionssysteme.
- Quantentechnologie und Photonik: Vorbereitung auf die nächste Ära der Computing-Hardware.
- Fortschrittliche Materialien: Entwicklung nachhaltiger und funktionaler Werkstoffe.
- Life Sciences und Biotechnologie: Vernetzung von Diagnostik und Produktion.
- Energie- und Umwelttechnologien: Dekarbonisierung durch intelligente Steuerung.
- Mobilitätstechnologien: Sicherung der führenden Rolle im Bahn- und Automobilsektor.
- Weltraum- und Luftfahrttechnologien: Nutzung von Satellitendaten für industrielle Zwecke.
Österreichs Weg: Die Industriestrategie 2035
Mit einer Exportquote von über 50 % ist technologische Führerschaft Österreichs einzige Versicherung. Die „Industriestrategie 2035“ investiert daher 2,6 Milliarden Euro gezielt in Schlüsseltechnologien – von Halbleitern über Quantentechnologie bis hin zu grünen Energiesystemen. Initiativen wie die „AI Mission Austria“ (AIM AT) fördern die Marktreife heimischer Lösungen unter dem Prinzip „Made in Europe“, um lokale Wertschöpfungsketten massiv zu stärken.
Praxisbeispiele: Die industrielle Transformationsbereich bei den Wiener Linien
Wie dieser Weg in der Praxis aussieht, zeigt die Transformation der Wiener Linien. Hier werden Strategien zur Bewältigung komplexer Herausforderungen durch den Einsatz von Industrial Intelligence operativ umgesetzt, um die Effektivität gepaart mit der Resilienz der Infrastruktur durch intelligente Datennutzung und Anwendung von KI nachhaltig zu steigern.
Hidden Champions und der Mittelstand
Österreichs Stärke liegt in seinen Hidden Champions – Unternehmen wie Doppelmayr, Frequentis, Kapsch oder Wintersteiger, die in ihren Nischen Weltmarktführer sind. Für diese Unternehmen ist Industrial Intelligence der Schlüssel, um ihre technologische Spitzenposition zu halten. So nutzt etwa Wintersteiger KI-gestützte Drohnensysteme und Visual Intelligence in der Saatgutforschung, um Phänotypisierungsdaten im großen Stil zu analysieren und den Züchtungsprozess drastisch zu beschleunigen. Dennoch zeigt die Forschung, dass viele KMU das Potenzial von KI noch nicht voll ausschöpfen: Nur etwa 18,8% der Hidden Champions nutzen derzeit aktiv KI-Verfahren, was auf ein gewaltiges ungenutztes Potenzial hinweist.
Strategische Implikationen und Ausblick
Industrial Intelligence erfordert ein neues betriebswirtschaftliches Denken. Wer heute in die notwendige Architektur investiert, sichert sich den Zugang zu massiven Produktivitätsgewinnen der nächsten Dekade – von reduzierten Ausfallzeiten bis hin zu völlig neuen Möglichkeiten im Generative Design.
Dieser strategische Diskurs steht im Zentrum unserer kommenden LSZ Fachformate. In der Production und IT Eventreihe sowie auf den CIO Kongressen widmen wir dem Thema einen massiven Fokus.
Leading Expert zu diesem Thema ist Martin Dusek-Lippach, CDO und Transformationsverantwortlicher der Wiener Linien. Er wird in Vorträgen und Diskussionsrunden aufzeigen, wie die Rolle des CITO und das Reifegradmodell in der Praxis den Standort sichern.
Es ist die Zeit, nicht mehr nur in IT-Projekten zu denken, sondern die industrielle Intelligenz als ganzheitliche Strategie zur Rettung und zum Ausbau unseres Standorts zu begreifen.
Nächste Möglichkeit einen der wenigen Inputgeber zu diesem Thema zu treffen und sich auszutauschen ist beim Production & IT / Industry Summit am 20. Mai in Graz. Gleich kostenfrei anmelden.