CIO Kongress 2026 „Co-Intelligence“: Wenn KI überall einzieht, muss das ganze Management neu denken
Patch-Zyklen, Rollouts, Versionssprünge: In der IT läuft die Update-Logik seit Jahren wie von selbst. Systeme werden kontinuierlich neu vermessen, angepasst, verbessert. Nur bei einer Komponente in jeder Organisation fehlt dieser Mechanismus bisher weitgehend – beim Menschen, der diese Systeme steuert.
Die KI-Debatte 2026 dreht sich fast ausschließlich um Skills. Wer kann prompten, wer versteht Agentic AI, wer beherrscht die neuen Tools? Das ist die falsche erste Frage.
Bevor man klärt, welche Fähigkeiten fehlen, muss man klären, wonach ein Mensch am Arbeitsplatz künftig überhaupt bewertet wird, wenn Ausführung, Wissen und zunehmend auch Entscheidungsvorbereitung von Maschinen übernommen werden.

Wie schnell sich die Anforderungen verschieben, zeigen Zahlen des World Economic Forum: Arbeitgeber erwarten, dass sich bis 2030 rund 39 Prozent der heute benötigten Kernkompetenzen verändern. 63 Prozent sehen Skill Gaps bereits heute als wesentliches Hindernis ihrer Transformation. Gleichzeitig gewinnen neben technologischen Fähigkeiten gerade menschliche Kompetenzen wie kreatives Denken, Resilienz, Flexibilität und Agilität an Bedeutung.
Vielleicht greift deshalb selbst der Begriff „Skills Gap“ zu kurz. Wenn Wissen verfügbar, Content generierbar und Ausführung zunehmend automatisierbar wird, verschiebt sich der Wert menschlicher Arbeit: von der reinen Produktion stärker hin zu Urteilskraft, Kontext, Verantwortung und Entscheidung.
Aus der Skills Gap wird eine Value Gap. Und die lässt sich nicht mit einem Kurs schließen.
Was ein Update des Menschenbilds bedeutet
Genau an diesem Punkt setzt Franz Kühmayer an, Trendforscher am Zukunftsinstitut, mit seiner Keynote „The Human Upgrade“ am zweiten Kongresstag.
Seine These: Jede große wirtschaftliche Transformation war immer auch ein Umbruch des Menschenbilds, nicht nur der Aufgabenverteilung. Mit jeder Welle veränderte sich nicht bloß, was Menschen tun – sondern auch, wer sie in der Arbeitswelt sind und wofür sie gebraucht werden.
Diese Verschiebung passiert 2026 nicht mehr schrittweise, sondern parallel zur schnellsten Technologiewelle, die Unternehmen bisher verarbeiten mussten. Und sie ist längst im Arbeitsalltag angekommen.

Laut Microsoft Work Trend Index geben bereits 46 Prozent der befragten Führungskräfte an, dass ihre Organisation Agents einsetzt, um Workflows oder Prozesse vollständig zu automatisieren. Für die kommenden fünf Jahre erwarten Führungskräfte unter anderem, dass Teams Agents trainieren und managen werden.
Damit entsteht eine neue Managementfrage: Was macht einen guten Mitarbeiter aus, wenn er nicht mehr nur seine eigene Arbeitsleistung verantwortet, sondern zunehmend auch die Arbeit digitaler Kollegen orchestriert?
Für Führungskräfte heißt das: Man kann das Update des Menschenbilds nicht outsourcen, nicht in eine HR-Guideline packen und nicht auf nächstes Jahr verschieben. Es passiert gerade, mit oder ohne bewusste Steuerung.
Die Frage, die am Kongress bewusst offenbleibt
Wie unbequem diese Frage ist, zeigt sich am Panel „The Value-Skill Gap: Zwischen Schulbank und KI-Fabrik“ mit Bildungsminister Christoph Wiederkehr, REWE-CIO Martin Fluch, ORF-CIO Astrid Zöchling und weiteren Stimmen aus Wirtschaft und Bildung.
Die Runde diskutiert offen, ob das Bildungssystem überhaupt die Geschwindigkeit der Industrie mitgehen kann und welche Skills wirklich zählen, wenn sich die Halbwertszeit von Wissen ständig verkürzt.
Dahinter steckt noch eine zweite Frage, die für Unternehmen mindestens ebenso relevant ist: Wie bildet man künftig Seniorität aus, wenn KI gerade jene Aufgaben übernimmt, an denen Berufseinsteiger bisher gelernt haben? Recherche, erste Analysen, Dokumentation, einfacher Code – vieles davon eignet sich besonders gut für Automatisierung. Doch genau dort wurde bisher Erfahrung aufgebaut.
Bemerkenswert daran: Der Kongress liefert hier keine fertige Antwort auf einer Bühne, sondern lässt Politik, CIOs und Bildungsexperten live und unabgestimmt aufeinandertreffen.

Dieselbe Frage, fünf Perspektiven
Die Grundspannung – was bleibt spezifisch menschlich, wenn Maschinen mehr übernehmen – zieht sich durch mehrere Programmpunkte, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben
In „KI unzensiert – Mensch. Maschine. Machtfragen.“ lässt die Journalistin und Digitalpionierin ein Sprachmodell live vor Publikum unbequeme Fragen beantworten. Kein Tech-Demo, sondern ein öffentlicher Denkprozess darüber, wie ehrlich eine Maschine über die Grenzen menschlicher Kontrolle sein kann.
Dahinter steckt eine Machtfrage, die Unternehmen zunehmend konkret beantworten müssen: Wer entscheidet, was eine KI entscheiden darf – und wer trägt die Verantwortung, wenn sie falsch liegt?
Der Neurowissenschaftler Orell Mielke widmet sich in „Kopflos durch KI? Wie wir unseren Verstand retten“ der Frage, ob permanente KI-Unterstützung das eigene Urteilsvermögen schwächt – eine Perspektive, die in Diskussionen über Produktivitätsgewinne oft fehlt.
Dazu gibt es inzwischen erste empirische Hinweise. Eine Microsoft-Research-Studie mit 319 Wissensarbeitern und 936 konkreten GenAI-Anwendungsfällen zeigte einen Zusammenhang zwischen höherem Vertrauen in GenAI und geringerem selbst berichtetem kritischem Denkaufwand. Gleichzeitig verschiebt sich kritisches Denken: weg vom Erzeugen einer Lösung, stärker hin zum Überprüfen, Integrieren und Überwachen von KI-Ergebnissen.
Die Managementfrage lautet deshalb nicht nur: Macht KI unsere Teams schneller? Sondern auch: Bleiben sie gut genug, um zu erkennen, wenn die Maschine falschliegt?
Mit Christian Lacher (Acredia), Peter Reichstädter (Parlament) und weiteren Speakern geht es um die neue Rolle des CIO als Orchestrator von Sicherheit und digitaler Souveränität. Denn je stärker Unternehmen auf Cloud-Plattformen, KI-Modelle und zunehmend autonome Systeme setzen, desto drängender wird die Frage, wie viel technologische Abhängigkeit sie sich leisten können – und wo sie Kontrolle bewusst behalten müssen.
Dabei geht es nicht nur um Technologie und Cybersecurity. Es geht auch um Verantwortung: Welche Systeme und Daten müssen unter eigener Kontrolle bleiben? Welche Entscheidungen dürfen an Maschinen delegiert werden? Wo braucht es einen Human in the Loop? Und wer trägt am Ende die Verantwortung, wenn ein Agent autonom handelt?
Digitale Souveränität, Sicherheit und AI Governance werden damit von technischen Disziplinen zu zentralen Führungsfragen.
Der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier erklärt, warum Manager und Politik einander oft nicht verstehen – relevant für CIOs, die zunehmend regulatorische Rahmenbedingungen wie NIS2, den AI Act oder den Cyber Resilience Act navigieren müssen, ohne die Logik dahinter immer nachvollziehen zu können.

Technologische Souveränität bedeutet damit auch, unterschiedliche Systeme verstehen zu können: technische, wirtschaftliche und politische.
Was diese sehr unterschiedlichen Programmpunkte verbindet, ist die Weigerung, bei der reinen Tool-Debatte stehenzubleiben. Kühmayer fragt nach dem Wert des Menschen, Eggler nach Macht und Kontrolle, Mielke nach unserem Denken, das Panel zum digitalen Befreiungsschlag nach Verantwortung und Filzmaier nach dem Verhältnis von Wirtschaft und Politik.
Am Ende laufen sie auf dieselbe Kernfrage hinaus: Wenn Maschinen mehr können, was müssen Menschen dann anders können – oder anders sein?
Warum das gerade jetzt eine Managementfrage ist
Für IT- und Digitalisierungsverantwortliche ist das keine akademische Debatte.
Wer 2027 ein Team aus menschlichen Experten und KI-Agenten führt, ein Budget für Weiterbildung plant oder in der eigenen Organisation Vertrauen in neue Technologien aufbauen muss, trifft diese Entscheidungen schon heute – meist ohne die Zeit, sie in Ruhe zu Ende zu denken.
Dabei zeichnet sich ein interessantes Paradox ab: Laut Microsoft wollen 45 Prozent der befragten Führungskräfte ihre Kapazitäten in den kommenden 12 bis 18 Monaten durch „digital labor“ erweitern. Gleichzeitig priorisieren 47 Prozent das Upskilling bestehender Mitarbeiter.
Unternehmen investieren also gleichzeitig in mehr maschinelle und mehr menschliche Leistungsfähigkeit.

Die entscheidende Frage lautet: Wofür genau?
Vielleicht braucht es deshalb neben Produktivitäts-KPIs bald andere Messgrößen. Wie gut erkennt ein Team Fehler seiner KI-Systeme? Wie gut werden Entscheidungen hinterfragt? Wie schnell eskaliert ein Mitarbeiter, wenn ein Agent außerhalb der erwarteten Grenzen agiert? Und wie viel eigenes Fachwissen muss erhalten bleiben, damit Menschen die Arbeit der Maschine überhaupt noch beurteilen können?
Die Produktivitätsfrage wird zunehmend messbar. Die Frage, was Unternehmen mit der dadurch gewonnenen menschlichen Kapazität anfangen, ist weit weniger geklärt.
Diese Trennung zwischen strategischer Debatte und operativem Alltag spiegelt sich auch im Programm wider. Auf der Hauptbühne gibt es bewusst keine Vendor-Vorträge: Hier stehen Perspektiven, Erfahrungen und auch Positionen im Mittelpunkt, die noch nicht fertig gedacht sein müssen. Die Technologieanbieter sind dennoch ein wichtiger Teil des Kongresses – in den Breakout Sessions geht es mit ihnen gezielt dorthin, wo IT- und Digitalisierungsverantwortliche täglich gefordert sind: zu konkreten Use Cases, technologischen Entscheidungen und den Pain Points des operativen Alltags.
So entsteht beides: Raum für die großen Fragen, ohne die konkreten Antworten für den Montagmorgen aus den Augen zu verlieren.
Genau diesen Raum zum Zu-Ende-Denken schafft der CIO Kongress: drei Tage, in denen Führungskräfte aus IT, Digitalisierung und Business nicht nebenbei, sondern konzentriert über diese Fragen sprechen. Mit Menschen, die dieselben Entscheidungen treffen müssen, und mit Impulsen von außerhalb der eigenen Branche.
Denn wenn morgen alle Unternehmen Zugriff auf ähnlich leistungsfähige KI-Modelle und Agents haben, entsteht Differenzierung nicht automatisch durch die bessere Technologie.
Vielleicht entscheidet sich der Wettbewerbsvorteil vielmehr daran, wie gut eine Organisation menschliche und maschinelle Intelligenz zusammenspielen lässt – und wie klar sie definiert, welche Entscheidungen, welches Urteilsvermögen und welche Verantwortung menschlich bleiben sollen.
Genau darin steckt die eigentliche Idee von CO-INTELLIGENCE.
Der CIO Kongress 2026 findet von 11. bis 13. Oktober im Congress Loipersdorf statt, unter dem Motto CO-INTELLIGENCE. Wer die Frage nach dem Update des Menschenbilds nicht nur lesen, sondern drei Tage lang mit anderen Digital Leadern live verhandeln will, findet das Programm und alle Details auf www.ciokongress.at. All C-Levels welcome!