250 Meetings im Monat, hunderte E-Mails täglich, permanente Teams-Benachrichtigungen und Entscheidungen im Minutentakt: Für viele Führungskräfte ist das kein Ausnahmezustand, sondern Alltag. Die Folge ist kein Mangel an Motivation oder Disziplin, sondern eine neurobiologische Überlastung.
Hier kommt der Neurowissenschaftlers Dr. Orell Mielke ins Spiel, der heuer bei der LSZ „IT Leaders Experience“ das Publikum begeisterte. Der promovierte Neurologe war viele Jahre Führungskraft in der Pharmaindustrie. Er weiß, warum unser Gehirn für die digitale Arbeitswelt nicht gebaut ist und weshalb klassische Produktivitätstipps häufig ins Leere laufen.
Tipp: Wer Dr. Mielke live on Stage erleben möchte, hat von 11.-13. Oktober beim CIO Kongress 2026 oder am 2. Dezember beim Cyber Crime Forum die Möglichkeit dazu.
Das eigentliche Problem: Nicht zu wenig Zeit, sondern zu viele Reize
Bereits wenige Minuten nach Arbeitsbeginn treffen Wissensarbeiter einige Mikroentscheidungen:
- Welche Nachricht beantworte ich zuerst?
- Ist dieses E-Mail dringend? Antworte ich sofort oder später?
- Wann beginnt das erste Meeting und was muss ich dafür noch vorbereiten?
Jede dieser Entscheidungen verbraucht kognitive Ressourcen. Dr. Mielke beschreibt das als den permanenten Kampf zwischen begrenzter Verarbeitungskapazität und nahezu unbegrenztem Informationsstrom. Während täglich Milliarden Sinnesinformationen auf das Gehirn einströmen, kann der Mensch bewusst nur einen winzigen Bruchteil davon verarbeiten.
Das Ein-Minuten-Limit
Diese Erkenntnis deckt sich mit aktuellen Forschungsergebnissen. Die Informatikerin Gloria Mark (University of California, Irvine) zeigt, dass Beschäftigte heute durchschnittlich weniger als eine Minute(!) bei einer digitalen Aufgabe bleiben, bevor sie unterbrochen oder selbst zur nächsten Anwendung wechseln. Die Rückkehr zur ursprünglichen Aufgabe verursacht erhebliche mentale Kosten.
Für Führungskräfte bedeutet das: Die größte Herausforderung moderner Leadership ist nicht Informationsmangel, sondern Aufmerksamkeitsmanagement.
Der Autopilot übernimmt schneller als gedacht
Unter dauerhaftem Entscheidungsdruck schaltet das Gehirn zunehmend in den sogenannten Autopilot-Modus.
Das spart Energie, hat jedoch einen Preis:
- Kreativität nimmt ab.
- Entscheidungen werden routinierter.
- Risiken werden schlechter bewertet.
- Innovation wird durch Reaktion ersetzt.
Mielke demonstrierte das mit dem bekannten Stroop-Test: Teilnehmer:innen sollten die Farbe nennen, in der ein Wort geschrieben war, statt das Wort selbst zu lesen. Das brauchten deutlich länger, sobald Farbe und Wort nicht übereinstimmten.
Ein Hinweis darauf, wie viel Energie das Unterbrechen automatisierter Denkprozesse tatsächlich kostet. Gerade Führungskräfte laufen dadurch Gefahr, nicht mehr aktiv zu gestalten, sondern lediglich den Arbeitsalltag zu verwalten.

Warum Nichtstun produktiver sein kann als noch ein Meeting
Der Neurowissenschaftler hebt den Nutzen des sogenannte Default Mode Network (DMN) hervor. Dieses neuronale Netzwerk wird aktiv, wenn das Gehirn scheinbar nichts tut.
In Wahrheit passiert im Ruhezustand aber genau Höchstleistung:
- Informationen werden sortiert.
- Erfahrungen verknüpft.
- kreative Lösungen entstehen.
- komplexe Probleme werden unbewusst bearbeitet.
Gehen als Denkwerkzeug
Mielke untermauert seine These mit prominenten Superbrains, wie Charles Darwin, Immanuel Kant oder Steve Jobs, die bewusst tägliche Spaziergänge als Denkwerkzeug nutzten. Tatsächlich bestätigt die Forschung diesen Effekt seit Jahren. Bereits klassische Stanford-Untersuchungen zeigten deutliche Kreativitätsgewinne durch Gehen. Neuere Erkenntnisse der kognitiven Neurowissenschaft unterstreichen zusätzlich, dass Denkprozesse wesentlich von den jeweiligen Aufgaben und deren Anforderungen abhängen und nicht allein von der Arbeitszeit.
Pausen sind somit keine verlorene Arbeitszeit. Sie sind ein Bestandteil leistungsfähiger Wissensarbeit.
Körper vor Kopf
Ein weiterer wichtiger Punkt, so Mielke ist die sogenannte Somatic Marker Theory des Neurowissenschaftlers Antonio Damasio: Menschen erkennen häufig bereits körperlich, welche Entscheidung sinnvoll ist, lange bevor sie diese bewusst erklären können.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Führung rein intuitiv statt rational erfolgen solle. Vielmehr zeigt es auf, dass erfahrene Führungskräfte ihre Intuition als zusätzliche Informationsquelle nutzen.
Schlaf - der unterschätzte Performance-Booster
Besonders klar ist der Neurowissenschaftler beim Thema Schlaf. Während der Nacht übernimmt das Gehirn zwei entscheidende Aufgaben:
- Gedächtnisinhalte werden konsolidiert.
- Stoffwechselprodukte werden über das lymphatische System entfernt.
Wer also dauerhaft schlecht schläft, verschlechtert nicht nur Konzentration und Gedächtnis, sondern erhöht langfristig gesundheitliche Risiken. Gerade Führungskräfte, die komplexe Entscheidungen treffen müssen, profitieren deshalb oft stärker von ausreichendem Schlaf als von zusätzlichen Arbeitsstunden.
Stress lässt sich neurologisch innerhalb weniger Sekunden reduzieren
Eine besonders praxisnahe Empfehlung war der sogenannte physiologische Seufzer ("Physiological Sigh").
Dabei wird
- tief eingeatmet,
- unmittelbar ein zweites kurzes Einatmen angeschlossen,
- anschließend langsam vollständig ausgeatmet.
Diese Atemtechnik aktiviert den Vagusnerv, verbessert den Gasaustausch in der Lunge und reduziert kurzfristig physiologischen Stress. Die Methode wurde unter anderem von Forschern der Stanford University untersucht und gilt heute als eine der schnellsten Möglichkeiten zur kurzfristigen Stressregulation.
Gehirnmanagement vs. Zeitmanagement
Wer dauerhaft im Autopilot arbeitet, kann kein kreatives Denken bei anderen fördern. Diese Aussage Mielkes wird durch eine Meta-Analyse aus 2024 zur Führung und Teamkreativität untermauert.
Die Untersuchung analysierte 232 wissenschaftliche Arbeiten mit fast 99.000 Teilnehmern. Das Ergebnis: Positive Führungsstile fördern Kreativität signifikant, negative Führungsformen hemmen sie deutlich. Besonders strategisches Leadership zeigte den stärksten Zusammenhang mit innovativen Teams.
KI verändert unser Denken
Mielke warnt eindringlich vor zu wenig eigener Denkleistung: Wer ChatGPT oder andere KI-Systeme vor dem eigenen Nachdenken nutzt, riskiert langfristig sogenannte “kognitive Schulden,” so Mielke,
Stattdessen empfiehlt er:
- zuallererst eigene Gedanken skizzieren,
- Hypothesen formulieren,
- anschließend KI als Sparringspartner einsetzen.
Besonders interessant: KI könne gezielt genutzt werden, um Gegenfragen zu stellen, anstatt sofort Antworten zu liefern. Dadurch bleibe das Gehirn aktiv und profitiere stärker von der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine.

Fünf praktische Tipps für Führungskräfte
1. Nach drei bis vier Meetings bewusst sechs Minuten spazieren gehen
Ohne Smartphone, ohne Podcast, ohne Telefonat. Das aktiviert das Default Mode Network und fördert kreatives Denken.
2. Wichtige Entscheidungen nicht unter Erschöpfung treffen
Komplexe Entscheidungen möglichst auf den nächsten Morgen verschieben – insbesondere nach langen Meeting-Tagen.
3. Vor schwierigen Gesprächen den physiologischen Seufzer nutzen
Zwei kurze Einatmungen, eine lange Ausatmung reichen häufig aus, um Stress innerhalb weniger Sekunden zu reduzieren.
4. KI erst nach dem eigenen Denken einsetzen
Eigene Ideen zuerst entwickeln, anschließend mit KI vergleichen oder erweitern.
5. Wenn-Dann-Regeln formulieren
Beispiel: "Wenn mein viertes Meeting endet, gehe ich sechs Minuten ohne Smartphone spazieren."
Solche sogenannten Implementierungsintentionen erhöhen nachweislich die Wahrscheinlichkeit, neue Gewohnheiten dauerhaft umzusetzen.
Weniger Reize, mehr Führung
Der Neurowissenschaftler Dr. Mielke machte deutlich: Die größte Herausforderung von Führung ist heute nicht mehr fehlende Technologie, sondern der verantwortungsvolle Umgang mit der eigenen Aufmerksamkeit.
Meetings, E-Mails und KI werden in Zukunft eher zu- als abnehmen. Entscheidend wird deshalb, wie Führungskräfte ihre begrenzten kognitiven Ressourcen einsetzen.
Die Neurowissenschaft liefert dafür keine komplizierten Wundermittel, sondern erstaunlich einfache Hebel: bewusste Pausen, Bewegung, Schlaf, gezielte Atemtechniken und einen reflektierten Einsatz von KI.
Wer diese Prinzipien konsequent nutzt, stärkt nicht nur seine eigene Leistungsfähigkeit, sondern schafft auch die Voraussetzung für kreativere Teams und eine gesündere Führungskultur.
Wer Dr. Mielke live on Stage erleben möchte, hat von 11.-13. Oktober beim CIO Kongress 2026 oder am 2. Dezember beim Cyber Crime Forum die Möglichkeit dazu.
Quellen: Vortrag von Orell Mielke beim LSZ-Event “IT Leaders Experience” 2026
https://ics.uci.edu/2023/01/26/regaining-focus-in-a-world-of-digital-distractions/
https://journals.aom.org/doi/abs/10.5465/AMPROC.2024.13502abstract
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