Was passiert, wenn Künstliche Intelligenz nicht mehr nur Produktionsdaten analysiert, sondern selbst entscheidet, Maschinen steuert und in operative Prozesse eingreift? Dann kann nicht mehr die Rede von einem weiteren KI-Use-Case, sondern muss von einem Umbau industrieller Wertschöpfung gesprochen werden.
Wie weit diese Entwicklung reicht, zeigte Martin Dusek-Lippach, Chief Digital Officer und Leiter Transformation & Strategie bei Wiener Linien, in einem Vortrag bei der LSZ Production & IT 2025 in Graz. Der Transformationsexperte beschäftigt sich intensiv mit Künstlicher Intelligenz, Big Data Analytics und der Frage, wie digitale Technologien Geschäftsmodelle und operative Prozesse verändern. Seine Botschaft: Mit AI Factories und insbesondere Physical AI entsteht eine neue Form industrieller Intelligenz und damit ein Transformationsauftrag für IT und Produktion.
Wenn die KI produziert, wer kontrolliert den Prozess?
Stellen wir uns eine Produktion vor, deren Abläufe zunehmend durch KI-Agenten gesteuert werden. Die Modelle laufen in der Cloud, Entscheidungen werden automatisiert getroffen und ein externer Technologieanbieter stellt wesentliche Teile der dafür notwendigen Infrastruktur bereit.
Technisch mag das funktionieren. Unternehmerisch poppen dadurch aber wirklich interessanten Fragen auf: Was passiert, wenn der Dienst ausfällt? Wer versteht den Prozess noch vollständig? Wer verantwortet die Verbindung zwischen KI, Maschinen und physischer Infrastruktur? Wie abhängig wird die Produktion von einzelnen Technologieanbietern?
Für Dusek-Lippach gehören deshalb Security, Safety, Business Continuity, Prozesswissen, Architektur, Menschen, Transformation und technologische Souveränität zusammen gedacht.
Gerade der letzte Punkt gewinnt in Europa an Bedeutung. Die EU baut ein Netzwerk sogenannter AI Factories auf. Das sind Ökosysteme rund um KI-optimierte Supercomputer, Daten und Fachwissen, die unter anderem Unternehmen Zugang zu leistungsfähiger KI-Infrastruktur ermöglichen sollen. Auch Österreich ist Teil dieser europäischen Initiative.
Physical AI bringt KI in die reale Welt
Die europäischen AI Factories schaffen zunächst Infrastruktur für die Entwicklung und Anwendung von KI. Für Industrieunternehmen beginnt die nächste Stufe dort, wo diese Intelligenz mit der physischen Fabrik verschmilzt.
Hier kommt sog. Physical AI ins Spiel. Gemeint sind KI-Systeme, die ihre physische Umgebung wahrnehmen, Informationen interpretieren und daraus Handlungen ableiten können. KI, Robotik, Sensorik und industrielle Automatisierung wachsen dadurch enger zusammen.
Dusek-Lippach macht den Technologiesprung mit einer einfachen Metapher greifbar: Der Ochse vor dem Pflug war langsam, hatte aber eine eigene Wahrnehmung. Der Traktor vervielfachte die Leistung, ist jedoch ein Werkzeug, das nur den Anweisungen des Menschen folgte. Die nächste Generation industrieller Systeme verbindet
gewissermaßen beide Fähigkeiten: Leistungsfähigkeit mit Wahrnehmung und
Intelligenz.

Business Transformation vor AI Transformation
Die entscheidende Frage lautet nicht: Wo können wir KI einsetzen? Sie lautet: Welchen Prozess wollen wir eigentlich verbessern oder verändern?
Erst wenn das gewünschte Business Outcome klar ist, lässt sich entscheiden, welche Form zusätzlicher „Industrial Intelligence“ sinnvoll ist. Das kann KI sein, muss es aber nicht. Business Intelligence, Decision Intelligence oder klassische Automatisierung können je nach Problem die bessere Antwort sein.
AI Agents brauchen mehr als eine IT-Schnittstelle
Noch grundsätzlicher wird die Veränderung bei autonomen KI-Agenten. Sie können Aufgaben übernehmen, Entscheidungen vorbereiten und Aktionen zunehmend selbstständig ausführen.
Dusek-Lippach formuliert das bewusst provokant: „Wenn ihr AI Agents habt, habt ihr neue Mitarbeiter.“
Die Aussage macht deutlich, welche organisatorische Dimension entsteht. Wer definiert Ziele und Handlungsspielräume? Welche Entscheidungen darf ein Agent selbst treffen? Wann muss ein Mensch eingreifen? Und wer trägt Verantwortung, wenn etwas schiefgeht?
Damit wird KI zur Führungs- und Governance-Aufgabe.
Human-AI-Partnership
Dusek-Lippach spricht von einer Human-AI-Partnership. Für Industrieunternehmen wird das beispielsweise relevant, wenn Erfahrungswissen gesichert werden soll, bevor langjährige Mitarbeiter:innen das Unternehmen verlassen.
In einem von ihm geschilderten Praxisfall lagen rund 4.000 Seiten persönlicher Aufzeichnungen eines erfahrenen Mitarbeiters vor. Dieses Wissen manuell zu strukturieren und für andere zugänglich zu machen, wäre enorm aufwendig. KI konnte helfen wertvolles Erfahrungswissen für kommende Generationen nutzbar zu halten.
Vom IT-Operator zum Transformation Leader
Für CIOs und IT-Leiter:innen verschiebt sich damit der Verantwortungsbereich. Sobald KI in Maschinen, operative Prozesse und Entscheidungen eingebettet wird, verschwimmen die Grenzen zwischen IT, Produktion und Business. Es reicht nicht mehr, Technologie bereitzustellen und anschließend zu messen, wie intensiv sie genutzt wird.
IT und Produktion müssen gemeinsam entscheiden, welche Prozesse verändert werden, wo zusätzliche Intelligenz tatsächlich Nutzen bringt und welche Risiken und Abhängigkeiten vertretbar sind.
Für Dusek-Lippach folgt daraus unmittelbar eine neue Rolle für IT-Verantwortliche: „Seid ihr euch bewusst, dass ihr dadurch zum Chief Transformation Officer geworden seid auch wenn das nicht in eurer Stellenbeschreibung steht.“
Das verlangt neben Technologiekompetenz ein Verständnis für Geschäftsmodelle, Prozesse, Menschen und Veränderungsdynamiken. Denn wenn künstliche Intelligenz selbst zum Akteur in operativen Abläufen wird, muss jemand dieses Zusammenspiel gestalten und führen.
Industrial Intelligence: Ist das Management gerüstet?
Dusek-Lippach fasst die Entwicklung unter dem Begriff Industrial Intelligence breiter als reine Künstliche Intelligenz. Entscheidend ist nicht, möglichst viel AI in bestehende Abläufe zu integrieren. Es geht darum, zusätzliche Intelligenz dort einzusetzen, wo sie bessere Entscheidungen, neue Prozesse oder andere Geschäftsmodelle ermöglicht.
Genau das macht Industrial Intelligence zur Managementaufgabe. Denn über technologische Abhängigkeiten, Investitionen, Verantwortlichkeiten oder die Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine kann die IT nicht allein entscheiden.
Für Österreich ist das auch eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit. Die industrielle Basis und das vorhandene Prozess- und Engineering-Know-how sind eine Stärke. Doch daraus entsteht nur dann ein Vorteil, wenn Unternehmen technologische Möglichkeiten schnell genug in produktive Wertschöpfung übersetzen, ohne dabei Kontrolle über kritische Prozesse, Daten und Wissen abzugeben.
Unter dem Titel „Ein Weckruf für die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs: Industrial Intelligence – ist das Management gerüstet?“ wird Dusek-Lippach diese Frage auch im Rahmen eines Live-Interviews beim CIO Kongress am 12. Oktober in Loipersdorf weiter vertiefen.
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Quellen: Vortrag von Martin Dusek-Lippach bei der LSZ Production & IT 2025 in Linz
https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/ai-factories