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Wie souverän sind deutsche Unternehmen wirklich?

Digitale Souveränität wird für deutsche Organisationen in den kommenden Jahren noch wichtiger, auch unabhängig von geopolitischen Spannungen. Der Handlungsdruck wächst.

„Abhängigkeiten von Big Tech sind ein Unternehmensrisiko – keine politische Debatte.“ So fasst Tobias Ganowski von Lünendonk & Hossenfelder die Ergebnisse einer aktuellen Studie zusammen. Gemeinsam mit Partnern ließ das Marktforschungs- und Beratungshaus dazu 155 IT-Entscheider aus der DACH-Region befragen.

Die Erhebung macht einen zentralen Trend deutlich: Digitale Souveränität ist längst mehr als ein technisches Spezialthema, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor. 96 Prozent der Unternehmen gaben an, dass digitale Souveränität in den kommenden drei Jahren deutlich an Relevanz gewinnen werde, auch unabhängig von den geopolitischen Spannungen zwischen der EU und den USA.

Kill Switch: echtes Risiko oder nur Panikmache?

Einen politisch motivierten Kill Switch etwa, also das Abschalten oder Einschränken von Cloud-Diensten, sehen 83 Prozent der Befragten als relevantes Risikoszenario, das ihre IT- und Sourcing-Strategie bereits beeinflusst. 47 Prozent stufen ein solches Szenario in den nächsten zwei Jahren als realistisch ein, nur 16 Prozent sehen darin kein wesentliches Risiko.

Die Studie strukturiert das Thema anhand von vier Dimensionen: betriebliche Souveränität (Resilienz, Vermeidung von Lock-ins), Datensouveränität (Kontrolle über Daten und Datenflüsse), technologische Souveränität (Interoperabilität, Portabilität, Auditierbarkeit) und juristische Souveränität (Compliance, Schutz vor extraterritorialen Zugriffen). Für die Befragten sind Datensouveränität (89 Prozent) und betriebliche Souveränität (81 Prozent) die wichtigsten Aspekte.

Großer Nachholbedarf in Sachen Souveränität

In der Praxis fällt die Bilanz allerdings ernüchternd aus: Nur 31 Prozent haben eigenen Angaben zufolge digitale Souveränität bereits umfassend in ihre IT- und Sourcing-Strategie integriert. 43 Prozent arbeiten mit isolierten Einzelmaßnahmen ohne durchgängiges Gesamtkonzept. Besonders kritisch: Nur 14 Prozent haben ausgereifte Exit-Strategien für einen Anbieterwechsel formuliert. Immerhin sehen nur 15 Prozent eine zu geringe Aufmerksamkeit im Topmanagement als Hürde. Das Thema Souveränität scheint in den Chefetagen angekommen zu sein.

Souveräne Clouds versus Hyperscaler

Die ambivalente Haltung vieler Unternehmen wird beim Thema Cloud Computing besonders sichtbar: 90 Prozent arbeiten mit mindestens einem Hyperscaler. US-amerikanische Anbieter (AWS, Microsoft Azure, Google Cloud) halten im europäischen Cloud-Markt einen Anteil von 70 Prozent. Eine generelle Abkehr von den Hyperscalern ist derzeit nicht zu beobachten, wohl aber eine differenziertere Nutzung.

Gefragt nach den relevantesten Modellen für geschäftskritische Prozesse und sensible Daten in den nächsten drei Jahren bevorzugen die Studienteilnehmer souveräne Hyperscaler-Angebote mit lokalem EU-Betreiber (für 92 Prozent relevant), deutsche IT-Dienstleister für RZ / Colocation / Managed Infrastructure (90 Prozent) und Cloud-Provider aus Deutschland (82 Prozent).

Ganowski, Lünendonk-Berater und Co-Autor der Studie, betont, dass digitale Souveränität nicht mit Autarkie oder einer Abkehr von US-amerikanischen Technologieanbietern gleichzusetzen sei: „Entscheidend ist die bewusste Steuerung von Abhängigkeiten: Hyperscaler bleiben aufgrund ihrer Innovationskraft und Skalierbarkeit essenzielle Bausteine moderner IT-Architekturen.“ Gleichzeitig gewönnen souveräne Alternativen überall dort an Bedeutung, wo Kontrolle, Compliance oder besondere Schutzanforderungen strategisch relevant sind.

Dazu passt die Einschätzung der Befragten zu den intensiv beworbenen „souveränen“ Angeboten der Hyperscaler: 89 Prozent glauben zwar, damit den Souveränitätsgrad erhöhen zu können. Zugleich aber sind 66 Prozent misstrauisch, beispielsweise wegen potenzieller Backdoors in den Services. Dass der amerikanische CLOUD Act im Zweifel auch für europäische Rechenzentren und Tochtergesellschaften von US-Anbietern wirksam bleibt, wissen immerhin 93 Prozent. 96 Prozent ist zudem bewusst, dass auch die als souverän gelabelten Hyperscaler-Clouds eine Anbieterabhängigkeit nicht verhindern können.

Open-Source-Einsatz: noch viel Luft nach oben

Wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit in Sachen Souveränität ist, zeigen auch die Open-Source-Pläne der Befragten. So wollen 90 Prozent zwar künftig vermehrt quelloffene Software einsetzen. Doch nur 50 Prozent haben eine klare Open-Source-Strategie oder -Policy entwickelt. Ausreichende interne Kompetenzen sind demnach nur in 57 Prozent der Fälle vorhanden.

Europäische Cloud-Provider als Hoffnungsträger?

Dass europäische Cloud-Provider kurzfristig die Wende bringen können, glaubt nur eine Minderheit. Lediglich 31 Prozent der Befragten halten sie derzeit für wettbewerbsfähig gegenüber den Hyperscalern. Immerhin 51 Prozent erwarten, dass die Europäer bis zum Jahr 2030 aus funktionaler Sicht aufholen werden.

Fotocredit: Bild von Sabine Kroschel auf Pixabay