Obwohl der kurzfristige Nutzen oft unklar ist, wollen Firmen ihre Investitionen in künstliche Intelligenz im laufenden Jahr verdoppeln.
Gescheiterte Pilotprojekte, skeptische Mitarbeiter, schrumpfende IT-Budgets: Dem Hype um die generative künstliche Intelligenz (GenAI) folgte in vielen Unternehmen eine gewisse Ernüchterung. Allzu oft wollte sich der erhoffte wirtschaftliche Nutzen zumindest kurzfristig nicht einstellen. Zugleich wurde immer deutlicher, dass häufig weder die technischen noch die organisatorischen und personellen Voraussetzungen für einen breiten KI-Einsatz gegeben waren.
Die meisten Führungskräfte und Entscheider halten trotz solcher Hürden offenbar an ihren ehrgeizigen Plänen fest. Laut dem „BCG AI Radar 2026“ der Boston Consulting Group wollen Unternehmen weltweit ihre KI-Investitionen 2026 sogar auf durchschnittlich 1,7 Prozent ihres Jahresumsatzes zu verdoppeln. In der EU gilt Deutschland dabei als Vorreiter. 52 Prozent der hiesigen Unternehmen planen im laufenden Jahr KI-Investitionen von mindestens 50 Millionen US-Dollar. EU-weit liegt der Durchschnitt nur bei 38 Prozent.
„Künstliche Intelligenz entwickelt sich weltweit über alle Branchen hinweg zu einem entscheidenden Produktionsfaktor“, kommentiert Andrej Levin, KI-Experte und Partner bei BCG. „Ihr Einsatz entscheidet darüber, wie Unternehmen sich Wettbewerbsvorteile sichern, neue Geschäftsmodelle kreieren und künftig Wert schaffen.“ KI sei damit schon heute eine zentrale Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg.
Für den AI Radar 2026 befragte das Beratungsunternehmen mehr als 2300 Führungskräfte auf Vorstandsebene aus 16 Ländern. 94 Prozent der Unternehmen wollen demnach an ihren Investitionen festhalten, auch wenn sich kurzfristig noch kein Return on Investment (RoI) nachweisen lässt. Für sie seien die KI-Ausgaben Teil einer langfristigen Strategie, so die Consultants.
KI-Strategie: CEO übernimmt das Ruder
Damit verändern sich auch die Verantwortlichkeiten. In 72 Prozent der Unternehmen ist KI mittlerweile Chefsache. CEOs haben sich zu den wichtigsten Entscheidungsträgern in Sachen KI-Strategie entwickelt. In Befragungen aus dem Vorjahr betrug der Anteil nur rund 50 Prozent. In Deutschland liegt der Wert mit 75 Prozent noch etwas höher. Fast die Hälfte der Topmanager weltweit geht zudem davon aus, dass ihr eigener beruflicher Erfolg davon abhängt, wie gut sie die KI-Transformation meistern.
Agentic AI und Upskilling im Fokus
Auch die Investitionsschwerpunkte verschieben sich. Mehr als 30 Prozent der Budgets sollen 2026 in autonome Agenten fließen, die nicht nur Inhalte generieren, sondern Aufgaben und komplette Prozesse eigenständig planen und steuern können.
Besonders erfolgreiche Unternehmen („Trailblazer“) investieren der Erhebung zufolge bis zu 60 Prozent ihres Budgets in die Weiterbildung der Mitarbeitenden. Dennoch scheint es hier noch reichlich Luft nach oben zu geben. Nur 36 Prozent der Angestellten fühlen sich laut eigenen Angaben ausreichend geschult.
Welchen Stellenwert neue Qualifikationen haben, zeigen auch Daten aus anderen Erhebungen. Bis 2028 / 2029 werde künstliche Intelligenz etwa 50 bis 55 Prozent aller Jobs tiefgreifend verändern, prognostizieren die Consultants. Einen vollständigen Ersatz von Stellen erwarten sie indes nur in zehn bis 15 Prozent der Fälle.
KI-Chancen werden höher bewertet als Risiken
Datenschutz und Cybersicherheit bleiben für die Befragten zwar auf der Agenda weit oben, werden jedoch seltener als Hürden für einen KI-Einsatz gesehen. 53 Prozent der Studienteilnehmer nennen die beiden Themen als zentrale Herausforderung, ein Rückgang um zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zunehmend werde etwa agentische KI als Chance gesehen, um die eigene Cybersicherheit zu stärken, erklärt BCG-Experte Levin: „Die Perspektive auf KI verschiebt sich spürbar: Immer mehr Führungskräfte sehen primär die Chancen.“ Im Vordergrund stehe die Frage, wie Unternehmen langfristig von KI profitieren können. Dazu gehöre beispielsweise auch die Risikoabwehr.
70 Prozent sind pragmatische Umsetzer in Sachen KI
Um die unterschiedlichen Herangehensweisen in puncto KI zu beleuchten, definiert die Boston Consulting Group drei Unternehmenstypen: Vorreiter (Trailblazer), Pragmatiker und Nachzügler. 70 Prozent der befragten Entscheider gehören demnach zu den pragmatischen Umsetzern. Sie sehen KI als wichtigen Hebel, investieren gezielt in einzelne Use Cases und skalieren den Einsatz, wenn Nutzen, Machbarkeit und Risiken klar belegt sind. In Deutschland fällt der Anteil der Pragmatiker mit 82 Prozent am höchsten aus.
Zu den Vorreitern zählen die Consultants lediglich 15 Prozent der CEOs. Sie seien vom wirtschaftlichen Mehrwert künstlicher Intelligenz überzeugt und trieben die KI-Transformation aktiv voran. Die Unterschiede zeigten sich vor allem bei Investitionen, dem Aufbau von Kompetenzen und im persönlichen Engagement. Hierzulande gehören demnach nur sechs Prozent der Befragten zu den Vorreitern. Dennoch liege Deutschland damit EU-weit in der Spitzengruppe. Im internationalen Vergleich führt Frankreich deutlich mit einem Vorreiteranteil von 42 Prozent. Auf den Plätzen folgen China mit neun und die USA mit fünf Prozent.
Europäische Cloud-Provider als Hoffnungsträger?
Dass europäische Cloud-Provider kurzfristig die Wende bringen können, glaubt nur eine Minderheit. Lediglich 31 Prozent der Befragten halten sie derzeit für wettbewerbsfähig gegenüber den Hyperscalern. Immerhin 51 Prozent erwarten, dass die Europäer bis zum Jahr 2030 aus funktionaler Sicht aufholen werden.