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Souveränität: Cloud-First heißt nicht Hyperscaler-First

Haende

Als Claudia Plattner im Januar das neue BSI-Portal zum NIS-2-Umsetzungsgesetz vorstellte, erntete sie prompt Kritik. In ihrem LinkedIn-Post hatte die BSI-Präsidenten auch erwähnt, dass das Portal auf einer Cloud-Infrastruktur von Amazon Web Services basiert und sukzessive zu einer Informations- und Austauschplattform mit Echtzeit-Daten und aktuellen Analysen ausgebaut werden soll. Ein Behörden-Portal für sensible Daten in den Händen eines amerikanischen Hyperscalers? 

Dass das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik damit nichts anderes tut als die meisten deutschen Großunternehmen und Behörden, spielte in der Diskussion kaum eine Rolle. Da traf es sich gut, dass Plattner einige Wochen später mit einer ganz anderen Meldung aufwarten konnte: Das BSI sei mit Schwarz Digits, der IT-Sparte der Schwarz-Gruppe, eine strategische Kooperation eingegangen. Ziel sei es, souveräne Cloud-Lösungen für die öffentliche Verwaltung zu entwickeln. Deutschland soll damit technologisch unabhängiger werden. 

So wollen die Partner etwa sichere Cloud-Systeme und Kontrollschichten entwickeln, die auch kritische Daten schützen. Die so entstandene Infrastruktur soll die öffentliche Hand gegen hybride Bedrohungen absichern und Abhängigkeiten von IT-Konzernen verhindern. „Mit Schwarz Digits haben wir einen Partner, der uns hilft, die Digitalisierung gezielt und strategisch voranzutreiben und abzusichern“, erklärte die BSI-Chefin. „Dies ist ein großer Schritt auf dem Weg zu einer resilienten Cybernation Deutschland.“ Digitalminister Karsten Wildberger sieht in der Partnerschaft gar ein starkes Signal für deutsche Innovationskraft und europäische Handlungsfähigkeit: „Souveräne Cloud-Lösungen machen unsere Verwaltung moderner, schneller und sicherer.“ 

In den offiziellen Mitteilungen finden sich durchaus konkrete Schritte, die Mut machen. Noch in diesem Jahr will Schwarz Digits die „STACKIT Public Cloud Restricted“ vorstellen, die den Betrieb einer Public Cloud im Bereich VS-NfD (Verschlusssache nur für den Dienstgebrauch) erlaubt. Auf dieser Basis soll auch die „STACKIT Distributed Cloud“ entstehen, eine skalierbare Infrastruktur, die auch Anforderungen der Geheimhaltungsstufe erfüllen könne. 

„Echte digitale Freiheit entsteht durch die Kontrolle über eigene Daten und Systeme“, erklärte Rolf Schumann, Co-CEO von Schwarz Digits. „Diese Partnerschaft ist ein klares Signal für ein digital souveränes Europa.“ Was damit gemeint ist, erläuterte sein Mitgeschäftsführer Christian Müller: „Unsere technologische Antwort basiert auf der Entwicklung technischer Kontrollschichten und der Umsetzung des Zero-Trust-Prinzips.“ Interoperabilität schaffe man durch den Einsatz von Open-Source-Technologie. So lasse sich ein Vendor Lock-in dauerhaft ausschließen. 

Dass die Kooperation mehr ist als ein zartes Pflänzchen auf dem Weg zu mehr digitaler Souveränität, zeigt eine aktuelle Gartner-Analyse. Die weltweiten Ausgaben für souveräne Cloud-Infrastruktur-Services (Infrastructure as a Service, IaaS) steigen demnach im laufenden Jahr auf mehr als 80 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Wachstum von 36 Prozent gegenüber 2025. Bis 2027 soll das Marktsegment ein Volumen von gut 110 Milliarden Dollar erreichen. 

„Organisationen außerhalb der USA und China investieren verstärkt in souveräne Cloud-IaaS, um digitale und technologische Unabhängigkeit zu erlangen“, berichtet Gartner-Analyst Rene Büst. Die wichtigsten Abnehmer der Dienste seien Regierungen, die damit ihre digitale Souveränität stärken wollten. Auf den Plätzen folgten regulierte Branchen und Betreiber kritischer Infrastrukturen, darunter Energie- und Versorgungsunternehmen sowie TK-Anbieter. 

Gartner erwartet zudem, dass sich der Trend zur Geopatriierung weiter verstärkt: Rund 20 Prozent der IT-Workloads würden künftig von globalen zu lokalen Cloud-Anbietern verlagert. Vielleicht noch wichtiger: 80 Prozent der Ausgaben für souveräne Cloud-Infrastrukturdienste sollen laut den Prognosen aus neuen digitalen Lösungen oder aber aus Altsystemen stammen, die bislang noch nicht in die Cloud migriert wurden.  

Allen Unkenrufen zum Trotz lässt sich sagen: Es tut sich was in Sachen digitale Souveränität, und das nicht nur hierzulande. Im Interview mit der COMPUTERWOCHE sagte Gartner-Experte Büst: „Die Strategie ist heute immer noch Cloud-First, aber nicht mehr Hyperscaler-First.“ 

Fotocredit: Ilya Lukichev