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SAP-Nutzer hadern mit der Public Cloud

Beim Umstieg auf S/4HANA fehlt deutschen SAP-Anwendern das Vertrauen in die Public Cloud. Sie bevorzugen hybride Szenarien.

Schon seit geraumer Zeit versucht SAP, seinen Kunden den Weg in die Cloud schmackhaft zu machen. Doch vor allem beim Umstieg auf S/4HANA überwiegt bei IT-Entscheidern die Skepsis. Zu diesem Ergebnis kommt eine Erhebung mehrerer SAP User Groups, darunter auch die für den DACH-Raum verantwortliche DSAG (Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe e. V.).

Demnach nutzen 76 Prozent der DSAG-Mitglieder Cloud-Systeme für Unternehmensanwendungen, Workloads oder das Speichern von Daten. US-amerikanische SAP-Anwender kommen laut der Americas‘ SAP Users’ Group (ASUG) sogar auf 84 Prozent.

Allerdings bevorzugen 78 Prozent der deutschsprachigen Cloud-Befürworter hybride On-Premises- und Cloud-Lösungen. Nur ein Prozent präferiert die Public Cloud. Ausschließlich auf eine Private Cloud setzen zudem sieben Prozent der von der DSAG befragten Unternehmen. Demgegenüber geben nur 49 Prozent der amerikanischen Teilnehmer hybriden Szenarien den Vorrang, vier Prozent entscheiden sich für die Public Cloud.

Was SAP-Nutzer an der Cloud zweifeln lässt

Jens Hungershausen, Vorstandsvorsitzender der DSAG, sieht mehrere Gründe für die Skepsis von DACH-Unternehmen in Sachen Public Cloud. So kämpften viele Organisationen mit der Komplexität ihrer IT-Landschaften. Sie befürchteten bei einem Coud-Umstieg, Systemanpassungen und eingespielte Funktionen zu verlieren. Zudem spielten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bei der Entscheidung für oder gegen die Cloud eine wichtige Rolle. „Diese Faktoren lassen einige am Return on Investment zweifeln“, so Hungershausen. Hinzu komme die potenzielle Abhängigkeit von einem Anbieter.

Tatsächlich äußerte knapp die Hälfte der befragten DSAG-Mitglieder die Sorge, sich von einem Cloud-Anbieter abhängig zu machen. Unter den amerikanischen SAP-Anwendern liegt der Wert nur bei 21 Prozent, in Großbritannien bei 33 Prozent. Große Bedenken im internationalen Vergleich haben deutsche SAP-Nutzer auch hinsichtlich des fehlenden internen Know-hows und der Cloud Readiness ihrer Organisation.

Beim S/4HANA-Umstieg dominieren On-Premise-Systeme

Deutlich wird die Cloud-Skepsis auch beim geplanten oder schon vollzogenen Umstieg auf S/4HANA. 55 Prozent der DSAG-Mitglieder nutzen aktuell die On-Premises-Version der ERP-Suite. Unter den amerikanischen SAP-Nutzern liegt der Wert nur bei 28 Prozent. Fast ein Drittel der deutschsprachigen SAP-Kunden plant zudem, S/4HANA künftig im eigenen Rechenzentrum zu betreiben (ASUG-Teilnehmer:15 Prozent).

Die DSAG erklärt die Zurückhaltung ihrer Mitglieder auch mit kulturellen und strukturellen Faktoren. Das ausgeprägte Datenschutzbedürfnis im DACH-Raum und damit verbunden Bedenken hinsichtlich möglicher Datenzugriffe US-amerikanischer Hyperscaler spielten bei den Überlegungen häufig eine Rolle.

Cloud oder On-Premise: SAP-Nutzer fordern mehr Flexibilität

Die umstrittene Strategie SAPs, Kunden auch mit neuen Lizenzmodelle in die Cloud zu locken, scheint bisher nur mäßig erfolgreich zu sein. So sind nur zehn Prozent der DSAG-Mitglieder der Meinung, die SAP-Programme RISE und GROW würden ihren Weg in die Cloud grundsätzlich beschleunigen. Aus Sicht der User Group sind dies nur erste Anreize, weitere müssten folgen.

Viele Unternehmen betrieben mit S/4HANA On-Premises noch hochindividualisierte Systeme, erläutert Hungershausen. „Damit sich mehr Kunden aktiv in Richtung Cloud bewegen, muss SAP attraktive Wege zu einer modularen Clean-Core-Landschaft aufzeigen.“ Laut der Umfrage wünschen sich 43 Prozent der DSAG-Mitglieder mehr Flexibilität bei der Wahl der Bereitstellungsmodelle. „Die Kunden benötigen echte Wahlfreiheit und müssen selbst entscheiden können, ob sie ihre Systeme On-Premises, in der Private Cloud oder der Public Cloud betreiben wollen“, fordert der DSAG-Chef. SAP müsse dafür die Voraussetzungen schaffen, mit transparenten und skalierbaren Lizenz- und Kostenmodellen sowie klaren Migrationspfaden.

Über die Umfrage der SAP User Groups

Die Online-Umfragen organisierten die SAP-Anwendergruppen aus den Regionen DACH, USA, Großbritannien, Japan und Australien im Juli und August 2025. Aus der DACH-Region nahmen 274 Mitglieder teil, 80 Prozent davon haben ihren Hauptsitz in Deutschland. Die am stärksten vertretenen Branchen waren der Maschinen-, Geräte- und Komponentenbau, die Versorgungswirtschaft und der Public Sector. Auf den Plätzen folgen professionelle Dienstleistungen und Finanzdienstleistungen.

Vendor Lock-in und mangelnde Interoperabilität

Ein in der Unternehmens-IT altbekanntes Problem betrifft schließlich auch den Einsatz generativer künstlicher Intelligenz. Viele Unternehmen setzten beim Skalieren von GenAI-Lösungen auf einen einzelnen Anbieter, berichtet Gartner. Das sei auf den ersten Blick einfacher und schneller. Doch die damit einhergehende Abhängigkeit könne die technische Flexibilität und Verhandlungsspielräume erheblich einschränken.

„CIOs unterschätzen oft, wie eng ihre Daten, Modelle und Workflows mit anbieterspezifischen APIs, Datenplattformen und Tools verknüpft sind“, kommentiert Chandrasekaran. Besser wäre es, von Anfang an auf offene Standards, offene APIs und modulare Architekturen zu setzen: „Interoperabilität sollte ein zentraler Bewertungsfaktor in allen GenAI-Pilotprojekten und Assessments sein.“

Wie immer sind Gartner-Prognosen für die kommenden Jahre mit Vorsicht zu genießen, längst nicht jede „aktuelle“ Erhebung ist auch repräsentativ. Dennoch legen die Analysten zu Recht den Finger in die Wunde. Wenn eines Tages ganze Armeen an KI-Agenten zentrale Workflows steuern, kann aus einem kleinen Blind Spot schnell ein geschäftskritisches Problem werden. Wer die Risiken kennt, kann rechtzeitig gegensteuern.

Fotocredit: SAP SE / Stephan Daub