Auf der Agenda von CIOs in größeren Unternehmen standen Cloud-first Strategien viele Jahre weit oben. Doch nicht erst seit dem Hype um generative KI kommt die Cloud als potenzieller und oft schwer kalkulierbarer Kostentreiber auf den Prüfstand. Einige Analysten wollen schon einen gobalen Trend zur „Cloud Repatriation“ erkennen. Gemeint ist damit die Rückführung von Applikationen und Daten aus der Public Cloud in Richtung lokaler, privater oder hybrider Infrastrukturen. Zu den frühen Beispielen gehörten neben dem Cloud-Speicheranbieter Dropbox auch Versicherungskonzerne, die Teile ihrer Infrastruktur aus der Public Cloud zurückverlagerten und so Kosten sparten. Schlägt das Pendel nun also zurück? Droht gar eine Massenflucht aus der Public Cloud?
Bei genauerem Hinsehen relativieren sich solche Szenarien. Für eine Repatriierung gibt es in der Praxis unter anderem diese Gründe:
- Kosten: „Beim Ansturm auf die öffentliche Cloud haben viele Leute nicht über die Preisgestaltung nachgedacht“, berichtet Tracy Woo, Principal Analyst bei Forrester. Besonders bei datenintensiven Workloads könne die Public Cloud schnell kostspielig werden und Hoffnungen auf Einsparungen zunichtemachen. Besonders teuer werde es etwa, wenn Unternehmen Daten zwischen Availability Zones der Hyperscaler hin- und herschieben.
- Edge AI: Nicht wenige KI- und Machine-Learning-Workloads benötigen schon aus Performance-Gründen Daten in Echtzeit am Ort ihrer Entstehung. Das spricht neben dem Kostenargument häufig für eine lokale Datenhaltung und -verarbeitung. Sid Nag, Cloud und AI-Experte bei Gartner, erwartet zudem, dass bis 2027 mehr als 50 Prozent der von Unternehmen genutzten KI-LLMs branchenspezifisch gestaltet sein werden. Entsprechende KI-Modelle erfordern weniger Ressourcen für das Training und könnten auch lokal in einer privaten Cloud oder einer gehosteten privaten Cloud-Infrastruktur arbeiten.
- Regulatorik und digitale Souveränität: Veränderte Rahmenbedingungen wie der EU AI Act, strengere Anforderungen an den Schutz sensibler Daten und politische Unsicherheiten lassen die klassische Public Cloud der Hyperscaler weniger attraktiv erscheinen. Das Thema digitale Souveränität hat massiv an Bedeutung gewonnen. Gartner etwa prognostiziert bis 2029 hohe zweistellige Zuwachsraten im Markt für „Sovereign Cloud IaaS“. Getragen werde das Wachstum vor allem von Organisationen außerhalb der USA und Chinas, die angesichts zunehmender geopolitischer Risiken ihre digitale Souveränität und technische Autonomie stärken wollten.
Trotz solcher Argumente ist eine Massenflucht aus der Public Cloud nicht zu erwarten. Zum einen wären groß angelegte Migrationen teuer und aufwändig; in vielen Fällen dürfte zudem das notwendige Know-how fehlen. Zum anderen rechnen die führenden Marktforscher nach wie vor mit zweistelligen Wachstumsraten im globalen Public-Cloud-Segment.
Dass vor allem groß angelegte Cloud-Initiativen auf dem Prüfstand stehen, zeigt eher, dass der Markt insgesamt reifer geworden ist. Unternehmen entscheiden sich nicht mehr grundsätzlich für oder gegen die Cloud, sondern betrachten verstärkt einzelne Workloads und die damit verbundenen Optionen. Die Public Cloud bleibe zentral für globale Dienste und schnelle Skalierung, erwartet etwa Martin Stephany von der Managementberatung 4C Group. Gleichzeitig würden Prozesse, bei denen Echtzeitfähigkeit, Datenkontrolle und regulatorische Anforderungen im Vordergrund stehen, in Private Clouds oder eigene Rechenzentren konsolidiert.
Für IT-Entscheider und CIOs wird die Arbeit damit nicht leichter. IT-Architekturen werden künftig dezentraler und nach souveränen Prinzipien gestaltet sein. Das Steuern von Public Cloud, Private Cloud, Edge- und On-Premises-Systemen entwickelt sich zur anspruchsvollen Daueraufgabe.
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