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Präsentismus: Der teuerste Mythos der New-Work-Ära

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Warum krank arbeiten für Organisationen ein strukturelles Problem ist

Der Laptop ist aufgeklappt, die Kamera im Meeting eingeschaltet und eigentlich gehört die Person dahinter ins Bett. Präsentismus, also Arbeiten trotz Krankheit, ist längst kein Randphänomen moderner Arbeitswelten mehr. Er zeigt sich im Büro, im Homeoffice, in hybriden Teams und besonders dort, wo hohe Verantwortung, enge Deadlines oder Personalmangel zum Alltag gehören.

Viele Organisationen interpretieren dieses Verhalten noch immer als Engagement, Loyalität oder Belastbarkeit. Doch genau hier liegt ein gefährlicher Irrtum. Denn krank arbeitende Mitarbeitende sind zwar anwesend, aber häufig nur eingeschränkt leistungsfähig. Konzentration, Entscheidungsqualität, Kreativität und emotionale Stabilität können deutlich leiden. Für Unternehmen entstehen dadurch nicht nur Produktivitätsverluste, sondern auch Fehlentscheidungen, längere Regenerationszeiten und langfristig höhere Gesundheitsrisiken.

Gerade in wissensintensiven Organisationen kann Präsentismus deshalb teurer sein als ein klarer Krankenstand.

Ein Problem, das Organisationen selbst erzeugen

Dass Mitarbeitende krank arbeiten, hat selten nur mit persönlichem Pflichtgefühl zu tun. Forschung zeigt, dass Präsentismus stark von organisationalen Rahmenbedingungen geprägt wird.

Eine der größten europäischen Arbeitsstudien, die European Working Conditions Survey der Europäischen Stiftung Eurofound, dokumentiert seit Jahren steigende Arbeitsintensität und zunehmenden Leistungsdruck in vielen Branchen. Diese Faktoren stehen in engem Zusammenhang mit Präsentismus – insbesondere dann, wenn Mitarbeitende das Gefühl haben, dass ihre Arbeit nicht liegen bleiben darf.

Mit anderen Worten: Präsentismus ist häufig kein individuelles Verhalten, sondern eine Reaktion auf organisationalen Druck.

Was im Körper passiert: Cortisol und das Immunsystem

Hinter Präsentismus steckt nicht nur ein Managementproblem. Es gibt eine direkte biologische Logik, warum krank arbeiten kontraproduktiv ist.

Wenn Menschen unter dauerhaftem Arbeitsstress stehen, schüttet der Körper chronisch erhöhte Mengen an Cortisol aus. Dem wichtigsten Stresshormon der menschlichen Physiologie. Cortisol hat in akuten Situationen eine sinnvolle Funktion: Es mobilisiert Energie, schärft kurzfristig die Aufmerksamkeit und unterdrückt Entzündungsreaktionen, damit der Körper handlungsfähig bleibt. Doch genau diese Immunsuppression wird zum Problem, wenn Stress chronisch wird.

Dauerhaft erhöhte Cortisolspiegel hemmen die Aktivität von T-Lymphozyten und natürlichen Killerzellen – also jenen Immunzellen, die der Körper braucht, um Infektionen abzuwehren und Krankheiten zu überwinden. Das Ergebnis: Wer krank arbeitet und dabei unter Stress steht, verlängert seine Erkrankung aktiv. Der Körper kann nicht heilen, weil das Stresssystem die Heilungsreaktion blockiert.

Eine aktuelle Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 bestätigt, dass chronische Cortisolerhöhung über die HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) sowohl die angeborene als auch die adaptive Immunantwort hemmt (MDPI Biology, 2025). Was zu weit schlimmeren Krankheiten führt, wenn sich der Körper nicht mehr wehren kann.

Das bedeutet konkret: Eine Unternehmenskultur, die Präsentismus fördert, schwächt systematisch die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden und das nicht als Nebeneffekt, sondern als direkte biologische Konsequenz.

Was kurzfristig wie Produktivität aussieht, ist aus körperlicher Perspektive das genaue Gegenteil: ein Abbau von Ressourcen, der sich mittelfristig in Langzeitausfällen, Burnout und chronischen Erkrankungen niederschlägt.

Ein Problem, das Organisationen selbst erzeugen

Präsentismus entsteht selten aus persönlichem Pflichtgefühl allein. Er ist in hohem Maße eine Reaktion auf organisationale Strukturen und Kulturen.

Verstärkt wird das durch Angst vor Konsequenzen: die diffuse Sorge, als weniger engagiert zu gelten, Karriereschritte zu verpassen oder in unsicheren Zeiten als entbehrlich zu erscheinen. Hinzu kommen fehlende Vertretungsstrukturen – wenn niemand übernehmen kann, bleibt das schlechte Gewissen beim Kranksein. Und Führungskräfte, die selbst krank durcharbeiten, setzen ein unmissverständliches kulturelles Signal: So wird das hier gemacht.

Das Homeoffice hat diese Dynamik noch verschärft. Die Grenze zwischen Ruhe und Arbeit ist im eigenen Wohnzimmer fast verschwunden. Digitaler Präsentismus findet still statt, oft ohne dass die Person selbst es als Problem erkennt.

Auch in Österreich ein strukturelles Thema

Die österreichischen Daten bestätigen das Gesamtbild. Laut Statistik Austria liegen Krankenstände bei rund 15 Tagen pro Jahr, doch diese Zahl zeigt nur den sichtbaren Teil. Die Arbeiterkammer Österreich dokumentierte bereits 2017, dass rund ein Drittel der Beschäftigten krank zur Arbeit geht. Besonders aufschlussreich ist die Mavie Stress Studie 2025: 59 % der befragten österreichischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gaben an, im letzten Jahr keinen einzigen Krankenstandstag aufgrund stressbedingter Symptome genommen zu haben – obwohl sie die Beschwerden spürten (Mavie, 2025). Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel und steigender Arbeitsverdichtung entsteht ein impliziter Druck, weiterzumachen, verstärkt durch eine Arbeitsethik, in der sich Kranksein für viele wie persönliches Versagen anfühlt.

Was Organisationen tun können

Präsentismus ist ein strukturelles Problem, aber individuelle Appelle allein reichen nicht.

Vertretungsstrukturen aufbauen. Wer weiß, dass jemand übernehmen kann, muss nicht krank durcharbeiten. Dokumentierte Prozesse und geteiltes Wissen sind kein Luxus, sondern Resilienz.

Führungskultur als Vorbild nutzen. Führungskräfte, die offen kommunizieren, dass Erholung Professionalität ist und die das selbst vorleben, verändern das Klima nachhaltig.

Psychologische Sicherheit schaffen. Mitarbeitende brauchen die Gewissheit, dass eine Krankmeldung keine Konsequenzen für ihre Wahrnehmung im Team hat.

Arbeitsintensität realistisch kalkulieren. Wenn Präsentismus systematisch auftritt, ist das ein Symptom, aber die eigentliche Ursache ist oft eine dauerhaft zu hohe Arbeitslast.

Was jetzt zu tun ist

Die Gleichung „jemand ist da = jemand arbeitet produktiv" war schon immer falsch. Sie ist es erst recht, wenn man versteht, was chronischer Stress biologisch im Körper anrichtet.

Präsentismus ist nicht das Ergebnis engagierter Mitarbeitender. Er ist das Ergebnis von Systemen, die Menschen dazu bringen, ihre Gesundheit zu opfern und das mit einem Cortisolspiegel, der das Immunsystem unterdrückt, und einer Unternehmenskultur, die das stillschweigend erwartet.

Organisationen, die das erkennen und gegensteuern, gewinnen auf mehreren Ebenen: weniger Langzeitausfälle, bessere Entscheidungsqualität, stärkere Bindung. Und Mitarbeitende, die leistungsfähig sind, weil sie es können, nicht weil sie müssen.

Präsentismus ist nicht das Gegenteil von Absentismus. Er ist sein gefährlicherer Zwilling.

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Quelle & Fotocredit: shutterstock/Roman Samborskyi
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