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Der KI Hype ist nur Ablenkung

Tech Trendscout Kolumne

Tech Trendscout Kolumne von Lisa Höllbacher

Über zehn Kräfte, die gerade gleichzeitig die Welt umschreiben und warum KI dabei nur die Ablenkung ist.

Letzte Woche hat mir eine Freundin freudig erzählt, dass sie ihre neue KI-App täglich nutzt – zum Reden. Nicht um Texte zu generieren oder Meetings zusammenzufassen. Zum Reden. Die App kennt ihren Namen, erinnert sich an ihre Stimmungen, fragt nach. Sie wirkt nicht wie Software. Sie wirkt wie jemand, der zuhört.

Ich habe nichts gesagt. Aber ich habe die ganze Woche daran gedacht.

Nicht weil ich das verurteile. Sondern weil es symptomatisch ist für etwas, über das wir noch nicht wirklich reden. Wir sind so beschäftigt damit, KI als Produktivitäts-Tool zu diskutieren – Use Cases, ROI, Compliance – dass wir übersehen, was darüberhinaus gerade passiert. Und das ist eine ganze Menge.

Amy Webb hat das dieses Jahr etwas mutiges getan: Sie hat ihren jährlichen Tech Trends Report – ihr Flagship seit fast zwei Jahrzehnten, gelesen von Millionen, zitiert in Boardrooms weltweit – absichtlich beerdigt. Nicht weil er schlecht war. Sondern weil er zu eng gedacht hat. Ihr Argument: Die Zukunft kommt nicht mehr Trend für Trend. Sie kommt als System und zwar alles auf einmal.

Kein Trend. Ein System.

Was Webb und ihr Team mit dem Convergence Outlook 2026 beschreiben, ist ein Perspektivwechsel, der sich einfach anhört und radikale Konsequenzen hat: Nicht einzelne Technologien verändern die Welt. Es ist das gleichzeitige Aufeinanderprallen mehrerer Kräfte – Technologie, Geopolitik, Kapital, Klimadruck, menschliches Verhalten – das etwas qualitativ Neues erzeugt. Nicht die Summe der Teile. Etwas anderes.

Das haben wir schon erlebt. Bei der industriellen Revolution. Nach dem Zweiten Weltkrieg. In den späten 90ern. Jedes Mal haben die meisten zu spät reagiert – weil sie auf den einzelnen Trend geschaut haben, nicht auf das System dahinter.

„The future no longer arrives one trend at a time.“                 — Amy Webb, CEO Future Today Strategy Group

Webb nennt das, was gerade passiert, eine neue Convergence Era. Sie hat zehn solcher Convergences identifiziert – von der Verstaatlichung von Rechenkapazität über die Auflösung klassischer Arbeit bis hin zur Verschmelzung biologischer und maschineller Intelligenz. Zehn Kräfte, gleichzeitig, systemisch, schwer rükgängig zu machen.

Drei davon beschäftigen mich besonders. Weil über sie am wenigsten gesprochen wird und sie aber einen enormen Einfluss auf uns haben:

Agentic Economy: Dein Marketing ist schon heute obsolet.

Wir reden über KI als Effizienz-Tool. Kaum jemand redet darüber, was passiert, wenn KI-Agenten selbst entscheiden, welche Marken, Produkte und Anbieter noch sichtbar sind. Webb nennt das die Agentic Economy – und sie ist brutaler, als der Begriff klingt.

Der Agent wird zur (einzigen) Eingangstür ins Internet. Er sucht, vergleicht, entscheidet, kauft. Kein Scrollen, keine Brand Experience, kein sorgfältig gestaltetes Nutzererlebnis. Nur ein Ergebnis. Wer die Kriterien des Agenten nicht erfüllt, existiert schlicht nicht mehr im Entscheidungsprozess. SEO, Performance Marketing, der aufwendig produzierte Content – all das wurde für eine Welt gebaut, in der Menschen klicken, liken und selbst beurteilen. Diese Welt verschwindet gerade.

Der strategische Kampf der nächsten zehn Jahre wird nicht um Aufmerksamkeit geführt. Sondern um „delegierte Autorität“. Wer kontrolliert, was der Agent sieht und was nicht?

Social Scoring: Wir haben China falsch verstanden.

Wir haben China für sein Social Scoring System kritisiert. Zu Recht. Aber Webb bringt es auf eine Formel, die ich seitdem nicht mehr aus dem Kopf bekomme:

„We traded China’s iron fist for Silicon Valley’s velvet glove. Same surveillance. Better branding.“

Loyalty-Programme, Smart Watches, Fitness-Apps, Unternehmens-Wellnessprogramme, Smart Home-Geräte – wir finanzieren unsere eigene Überwachung mit unseren eigenen Daten. Freiwillig und bequem. Weil es sich nicht wie Überwachung anfühlt, sondern wie Service. „Authoritarian by design. Democratic by consent.“

Die DSGVO kratzt an der Oberfläche. Das tiefere Problem ist struktureller Natur: Infrastruktur, die für einen Zweck gebaut wurde, bleibt selten dabei. Was heute Personalisierung ermöglicht, kann morgen etwas anderes bedeuten – je nachdem, wer das Dashboard kontrolliert und wie sich politische Verhältnisse verschieben. Das klingt paranoid. Es ist nur ehrlich.

Emotional Outsourcing: Die Frage, die wir nicht stellen.

Und dann ist da Emotional Outsourcing. Das Thema, das in keiner KI-Debatte vorkommt – weil es zu nah ist und Angst macht.

Wir delegieren Empathie an Maschinen und rühmen uns damit. Companionship-Apps, KI-Therapeuten, immer präsente Assistenten, die uns kennen, bestätigen, zuhören. Die Gewinne sind real: für einsame Menschen, für Betroffene ohne Zugang zu Versorgung, für alle, die nachts um drei mit jemandem reden wollen.

Aber die Frage, die niemand stellt, lautet: Was optimieren diese Systeme eigentlich? Nicht menschliches Gedeihen, Engagement oder Retention. Stickiness. Plattformen sind nicht dafür gebaut, dass es uns gut geht. Sie sind dafür gebaut, dass wir wiederkommen. Was das mit dem sozialen Gewebe macht, wenn emotionale Verbindung zur skalierbaren digitalen Dienstleistung wird – das weiß noch niemand. Wir sind mitten im Experiment – oder vielleicht sind WIR das Experiment? Und niemand hat gefragt, ob wir teilnehmen wollen.

Die unbequemste Frage: sind wir bereit uns selbst zu zerstören?

Webbs zentralste These richtet sich an Führungskräfte – und sie ist unangenehm: Die größte Gefahr kommt nicht von außen. Sie kommt von der Weigerung, sich selbst zu zerstören. Wer an dem festhält, was gestern funktioniert hat, wird nicht (sofort) dramatisch scheitern. Man wird eher verkalken – langsam irrelevant werden, während die Welt sich reorganisiert. Das macht es so gefährlich – die Folgen einer Nicht-Veränderung sind nicht sofort ersichtlich.

Die mutigste Frage, die man heute stellen kann, lautet nicht: Welches KI-Tool testen wir als nächstes? Sondern: Was sind wir bereit, absichtlich sterben zu lassen? Das klingt radikal. Es ist aber die einzig ehrliche Reaktion auf eine Welt, in der so viele Kräfte gleichzeitig unsere Spielregeln neu schreiben.

KI ist nicht das Ende der Geschichte. Viel eher ist der erste Akt.

Und meine Freundin, die täglich mit ihrer App redet? Vielleicht ist sie nicht das Problem. Vielleicht ist sie nur ehrlicher als der Rest von uns – und spricht aus, was viele still schon längst tun.

Das ist der Teil, der mich das tun lässt was ich jeden Tag tue – wir müssen darüber sprechen das KI mehr verändert als nur Tools und Technologie. Es verändert die Art und Weise wie wir miteinander leben, es verändert unsere Systeme und in gewisser Weise damit auch uns selbst. Seien wir uns dessen bewusst.