Der Weltraum ist längst Teil unserer digitalen Infrastruktur. Gleichzeitig entsteht im Orbit ein neuer Wirtschaftsraum, in dem sich entscheidet, wer künftig Daten, Kommunikation und kritische Technologien kontrolliert. Für österreichische Unternehmen stellt sich damit die Frage: Welche Chancen bietet New Space und welche Abhängigkeiten entstehen dadurch?
Wer hat mit Weltraum zu tun? Mit dieser Frage eröffnete Matthias Spott, NewSpace-Pionier und Raumfahrtexperte, seinen Vortrag beim CIO Kongress goes WEST. Der von LSZ veranstaltete Kongress gilt als relevantester Treffpunkt für CIOs und IT-Entscheider:innen im Westen Österreichs für die Bodenseeregion (DACH-LI) mit hohem Praxis- und Strategiefokus.
Nur wenige Hände gingen nach oben. Bei der anschließenden Frage nach dem Smartphone waren es deutlich mehr. Das Learning: Wir nutzen Weltrauminfrastruktur täglich, ohne unsere Abhängigkeit davon ausreichend zu kennen.
Was bedeutet diese Entwicklung konkret für Österreichs Industrie? Dazu hat LSZ mit Patrick Weiß, Director Digital Business Solutions bei TTTech Computertechnik, gesprochen. Er erklärt, wo heimische Unternehmen bereits mitmischen und welche Chancen und Risiken sich für CIOs ergeben.
Warum betrifft die New Space Economy jedes Unternehmen?
New Space bezeichnet den Wandel von überwiegend staatlich geprägter Raumfahrt zu einer zunehmend kommerziellen Weltraumwirtschaft. Für Unternehmen ist sie bereits heute relevant, weil Satelliten zentrale digitale Prozesse ermöglichen.
Navigation, Wetterprognosen, Erdbeobachtung und Satellitenkommunikation unterstützen längst Prozesse in Landwirtschaft, Logistik und Energieversorgung. Nach günstigeren Transportmöglichkeiten und kommerziellen Satellitendiensten beginnt laut Spott nun die nächste Phase: der Aufbau orbitaler Infrastruktur, darunter Rechenzentren und Produktionsanlagen.
Österreichs Industrie ist Teil der Weltraumwirtschaft
Der Aufbau einer orbitalen Wirtschaft erfordert Fähigkeiten, die viele österreichische Unternehmen bereits besitzen: Automatisierung, Robotik, Serienfertigung, vernetzte Systeme, Energieversorgung und Cybersecurity.
Wie konkret heimische Betriebe daran beteiligt sind, zeigt die europäische Trägerrakete Ariane 6. Laut Patrick Weiß liefern Unternehmen Beyond Gravity Thermalschutz und Mechanik, TestFuchs Ventile und TTTech die Netzwerktechnologie für die ausfallsichere Datenkommunikation in den Avioniksystemen.
„Keine dieser Firmen verantwortet die ganze Rakete, und trotzdem sitzen alle an Stellen, an denen nichts ausfallen darf. Gefragt ist also, was viele heimische Betriebe aus der Bahn- und Fahrzeugtechnik ohnehin können: Systeme, die auch dort zuverlässig funktionieren, wo Wartung und der Austausch von Hardware keine Option sind.“ (Patrick Weiß, TTTechnik)
Die Chancen reichen jedoch über die klassische Raumfahrtindustrie hinaus. Weiß sieht insbesondere für den Maschinenbau neue Möglichkeiten: Anlagen an abgelegenen Standorten könnten über Satelliten angebunden und darauf aufbauende digitale Services angeboten werden.
Sinkende Transportkosten und größere Nutzlasten könnten weitere Geschäftsfelder erschließen. Spott verweist auf wiederverwendbare Raketen und die geplanten Transportkapazitäten von Starship (wiederverwendbares Schwerlast-Raketensystem von SpaceX). Perspektivisch könnten auch Produktionsverfahren unter Mikrogravitation interessant werden, etwa für Pharmaindustrie, Biotechnologie oder Materialentwicklung. Ob daraus wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle entstehen, ist offen.
Rechenzentren im All: Zukunftsmarkt oder wirtschaftliches Risiko?
Weltraumbasierte Rechenzentren könnten dort sinnvoll werden, wo Daten bereits im Orbit entstehen. Der Raumfahrtexperte Spott sieht darin ein vielversprechendes Geschäftsfeld: Würden etwa Erdbeobachtungsdaten direkt im All verarbeitet, könnte das Übertragungsvolumen sinken und bestimmte Analysen beschleunigen.
Der Digitalisierungsexperte Weiß beurteilt die wirtschaftlichen Aussichten zurückhaltender:
„Bei den Rechenzentren im Orbit bin ich zurückhaltender als Matthias Spott. Welche Geschäftsmodelle sich rund um Computing-Infrastruktur im Orbit langfristig durchsetzen werden, ist noch offen. Klar ist jedoch, dass die Bedeutung von Datenverarbeitung, Kommunikation und digitalen Infrastrukturen im Weltraum weiter zunimmt.“ (Patrick Weiß, TTTechnik)
Technische Herausforderungen wie Energieversorgung, Wärmeabfuhr, Wartung und Strahlungsschutz sind ebenso zu berücksichtigen wie die Wirtschaftlichkeit.
Für österreichische Unternehmen sieht Weiß den unmittelbareren Nutzen deshalb in bestehenden Anwendungen:
„Für die meisten Unternehmen in Österreich beginnt die Wertschöpfung mit Wetter- und Erdbeobachtungsdaten, die es heute schon gibt und die erst wenige wirklich in ihre Abläufe einbauen.“ (Patrick Weiß, TTTechnik)
Wenn der Weltraum zum Cyberrisiko wird
Satelliten sind Teil kritischer digitaler Abhängigkeiten. Werden ihre Kommunikations- oder Navigationsdienste gestört, kann das unmittelbare Folgen für Infrastruktur und Geschäftsprozesse auf der Erde haben.
Ein Beispiel aus Spotts Vortrag beim CIO Kongress zeigt die Dimension: Im Februar 2022 wurde das KA-SAT-Satellitennetzwerk von Viasat (US-amerikanischer Anbieter von Satellitenkommunikation und Internetdiensten) im Zusammenhang mit dem russischen Angriff auf die Ukraine durch einen Cyberangriff gestört. In Deutschland waren dadurch rund 5.800 Windenergieanlagen zeitweise nicht mehr aus der Ferne erreichbar. Die Stromproduktion selbst war laut Betreiber nicht beeinträchtigt.
Lesetipp: Wie Unternehmen ihre Cyberresilienz angesichts neuer regulatorischer Anforderungen stärken müssen, beleuchtet der LSZ-Artikel „Fünf Gesetze, eine Frist: Was Produktionsbetriebe bei Cybersecurity jetzt umsetzen müssen“.
Hinzu kommen gezielte Störungen von Navigationssignalen durch Jamming (gezielte Störung von Funksignalen) oder Spoofing (Manipulation durch gefälschte Signale). Sie können unter anderem Flugverkehr, Schifffahrt und satellitengestützte Logistikprozesse beeinträchtigen.
Patrick Weiß warnt ebenfalls vor bislang wenig sichtbaren Abhängigkeiten:
„Das Zeitsignal aus der Satellitennavigation steckt oft unsichtbar in Netzwerken und Rechenzentren, und in keiner Asset-Liste steht „Satellit“. Ich würde das einmal praktisch als Planspiel durchgehen: Was passiert bei uns, wenn Navigation und Zeitsignal einen Tag lang gestört sind, und wer merkt es zuerst?“ (Patrick Weiß, TTTechnik)
Europas nächste Souveränitätsfrage
Starlink (Satelliteninternetdienst von SpaceX) zeigt, wie schnell private Unternehmen strategisch relevante Infrastruktur aufbauen können. Für Spott sollte Europa daraus lernen und neue Technologien, Standards und Geschäftsmodelle frühzeitig mitgestalten.
Weiß hält vollständige Unabhängigkeit weder für realistisch noch für wirtschaftlich sinnvoll. Entscheidend sei, Ausfälle beherrschbar zu machen. Ein zweiter Anbieter schaffe nur dann echte Redundanz, wenn er nicht auf derselben Infrastruktur aufbaut.
New Space - was CIOs jetzt auf ihre Agenda setzen sollten
Was lernen wir von den Experten aus der LSZ-Community? Für CIOs und Digital Executives ergeben sich vier konkrete Aufgaben:
- Abhängigkeiten erkennen: Welche IT- und OT-Prozesse benötigen Satellitendienste oder Zeitsignale?
- Ausfallsicherheit prüfen: Welche Folgen hätte ein Ausfall? Sind alternative Anbieter unabhängig?
- Potenziale identifizieren: Wo ermöglichen Satellitendaten oder zusätzliche Konnektivität neue Services?
- Verantwortung klären: Wie fließen diese Risiken in Notfallplanung, Einkauf und IT-/OT-Prozesse ein?
Gerade der letzte Punkt ist für Weiß in Bezug auf Österreich entscheidend. Die größte Herausforderung liege häufig in der Organisation, weil IT, OT und Einkauf jeweils nur einen Teil der Abhängigkeiten überblicken.
„Ein eigenes Space-Programm würde ich (…) nicht aufsetzen. Die Abhängigkeiten gehören in die Abläufe, die es schon gibt, vom Notfallplan bis zur Ausschreibung. Beim Business Case lohnt sich ein zweiter Blick. Eine zusätzliche Anbindung über Satellit ist zunächst eine Reserve. Sie kann aber auch Geschäftsmodelle ermöglichen, die bisher an fehlender Konnektivität gescheitert sind, etwa an abgelegenen Industrie- oder Infrastrukturstandorten.“(Patrick Weiß, TTTechnik)
Die New Space Economy beginnt für österreichische Unternehmen nicht erst mit eigenen Technologien im Orbit. Sie beginnt dort, wo Satellitendaten Prozesse verbessern, neue Geschäftsmodelle ermöglichen und bislang unsichtbare Abhängigkeiten sichtbar werden. Für CIOs und CISOs geht es deshalb darum, diese Chancen gezielt zu nutzen und Risiken frühzeitig abzusichern.
Wie sich neue Technologien wirtschaftlich nutzen und digitale Infrastrukturen schützen lassen, diskutiert die LSZ Community u.a. am 10. November beim Cyber Crime Forum und am 17. November beim AI Challenge Accepted! Summit in Linz.
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Vortrag von Matthias Spott beim CIO Kongress goes WEST 2026
LSZ-Interview mit Patrick Weiß, 21.10.2026