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Bin ich der Bias im System?

Tech Trendscout Kolumne

Tech Trendscout Kolumne von Lisa Höllbacher

Was ist, wenn wir alle zu Wahrscheinlichkeiten werden und nur noch tun, was man von uns erwartet?

Letzten Monat saß ich auf einem sehr prominenten Podium — gemeinsam mit einem der bekanntesten Philosophen unserer Zeit: Richard David Precht. Seit vielen Jahren lese ich seine Werke und verfolge seine Denkrichtungen. Es war daher für mich persönlich wirklich etwas Besonderes, mit ihm zu diskutieren.

Was er sagte, hallt noch nach: Eine KI-Zukunft brauche mehr Generalisten und Philosophen — Menschen, die uns daran erinnern, zweckfreie Zeit zu genießen und vor lauter Effizienzdenken nicht am Leben vorbeizuleben. Dieser Abend hat vor allem eines gezeigt: KI hält Einzug in alle unsere Lebens- und Denkwelten. Sie macht uns schneller und effizienter — aber nicht unbedingt glücklicher. Also müssen wir uns fragen, auf welches Ziel wir eigentlich hinsteuern wollen.

In der Vorbereitung auf diesen Abend habe ich viel darüber nachgedacht, was mein Alltag als KI-Beraterin eigentlich für diese Welt bedeutet — und wie ich dazu beitrage.

Wir werden Wahrscheinlichkeit

Wir reden viel darüber, dass KI uns ersetzen könnte. Den Job, die Aufgaben, irgendwann das Denken. Doch vielleicht ist das der falsche Vergleich. Die Frage, die sich stellt: Warum vergleichen wir uns ständig mit Maschinen — und haben das Gefühl, unterlegen zu sein? Ist es nicht eigentlich viel besser, Mensch zu sein als Maschine?

Ein Sprachmodell optimiert nicht auf Wahrheit. Es optimiert auf das statistisch Plausibelste — auf das naheliegendste nächste Wort. Man kann es anders konfigurieren, aber das Wesen dieser Systeme liegt in der Mitte der Verteilung. Orientieren wir uns also stets an KI-Ergebnissen, werden wir selbst zu vorhersehbaren, durchschnittlichen Wahrscheinlichkeiten. Wir werden steuerbar.

Ich merke selbst, wie oft ich den ersten Vorschlag übernehme, weil er gut genug klingt. Wie selten ich mich gegen die KI-Antwort und für meine eigene entscheide — weil man das Gefühl hat, die andere sei irgendwie „richtiger".

Menschsein bedeutet, dass wir die Wahl haben, das absolut Unwahrscheinlichste zu tun — etwas, mit dem keiner gerechnet hat. Genau darin liegt die Quelle von Erfindungen, Erfahrungen und manchmal dem Glück, das man nicht geplant hat.

Wenn alle von digitaler Bildung sprechen, meinen sie oft Prompt Engineering. Ich glaube, gemeint sein sollte etwas anderes: die Fähigkeit, das Unwahrscheinliche noch denken zu können — auch wenn alles um uns herum auf das Plausible optimiert. Diese Freiheit im Kopf zu behalten ist echte Freiheit. Oder in neuerer Sprache: ein agiles Mindset. Wir müssen uns darauf trainieren, flexibel im Kopf zu bleiben.

Ich bin das System mit dem Bias

Wir tun gern so, als wäre Technologie neutral — als wäre eine Antwort von KI irgendwie richtiger als die eines Menschen. Aber es ist ein Werkzeug. Und jedes Werkzeug trägt die Werte, die blinden Flecken und die Entscheidungen derer in sich, die es gebaut haben. Es ist nie die Frage, ob ein Bias drinsteckt. Sondern nur: wessen.

Was wie Theorie klingt, zieht sich durch mein Leben. Immer wieder habe ich mich in Runden, Jobs oder Veranstaltungen wiedergefunden, in denen meine Anwesenheit eine leichte Irritation ausgelöst hat — nicht im negativen Sinn, eher ein freundliches Befremden. Es gab schlicht nicht viele andere junge Frauen dort. Und genau in diesen Momenten habe ich gemerkt: Allein meine Anwesenheit hat den Bias im System sichtbar gemacht. Denn wenn immer alles so bleibt wie es ist, fallen uns die eigenen Muster nicht auf.

Meine Perspektive war anders als die der anderen — und das war gut so. Genau dadurch sind Fragen entstanden, die neue Themen aufgeworfen haben. Ich kann daher nur dafür plädieren: Bringt unterschiedliche Stimmen in die Diskussion über KI. Denn in den Punkten, an denen Meinungen auseinandergehen, liegt oft das Potenzial für etwas wirklich Neues.

Eine Technologie, die auf das statistisch Plausibelste zielt, wurde auf Daten einer Vergangenheit trainiert, in der viele Stimmen, Sprachen und Perspektiven schlicht nicht vorkamen. Was daraus entsteht, ist keine Zukunft. Es ist die statistische Verlängerung einer Vergangenheit, die ohnehin schon zu eng war. Was gestern wahrscheinlich war, wird morgen noch wahrscheinlicher — weil das System es erneut vorschlägt, weil wir es übernehmen, und weil das nächste System aus dieser Übernahme lernt.

Welche Normalität wird zum Standard?

Am Tag nach der Diskussion habe ich mich wieder in meinem Alltag wiedergefunden. Ich hatte meinen Laptop vor mir — ein Proposal für ein KI-Implementierungsprojekt, an dem ich gerade arbeite. Mittelständisches Unternehmen. Prozessautomatisierung. Ein spannender Auftrag, der mich freut.

Doch genau das ist der Bogen, der mich täglich beschäftigt. Nicht als Widerspruch, sondern als Spannung, die ich beobachte. Ich bringe diese Systeme in Organisationen — und frage mich dabei, welche Annahmen wir gerade in Entscheidungsprozesse einbauen. Wessen Normalität als Standard gesetzt wird. Welche Perspektiven dabei verloren gehen.

Es gibt kein Entkommen aus dieser Gleichzeitigkeit. Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem, der sie nicht sieht, und dem, der sie sieht und trotzdem handelt. Ich versuche, das Zweite zu sein. Nicht immer erfolgreich. Aber bewusst.

Die Frage, die auf dem Podium im Raum blieb, stelle ich mir selbst: Wessen Wahrscheinlichkeit trainieren wir hier — und welchen Preis zahlen wir, wenn wir zwar alle schneller, aber immer gleicher werden?